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Unbegrenzt haltbar?

Wie sich "Magnum Photos" 2013 darstellt

Das Fotofestival Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg findet vom 14. September bis 11. November 2013 statt. Es hat den Anspruch, wichtige Richtungen in der Fotokunst zu zeigen. FOTO HITS fragte nach, warum die 66 Jahre alte Agentur "Magnum Photos" ausgewählt wurde.

FOTO HITS: Jeden Monat findet irgendwo auf der Welt eine Ausstellung mit Magnum-Mitgliedern statt. Warum jetzt auch beim Fotofestival?

 Andréa Holzherr: Jeden Monat ist vielleicht übertrieben …

 FOTO HITS: Ich habe es nachgezählt.

 Andréa Holzherr: Es ist folgendermaßen: Ich arbeite für „Magnum Photos“. Das Fotofestival hatte mich eingeladen, ein kuratorisches Konzept vorzuschlagen. Das war vor über zwei Jahren. Aus praktischen und pragmatischen Gründen habe ich ein Magnum-Festival vorgeschlagen, das die Festival-Jury angenommen hat.

FOTO HITS: Wie haben sie angesichts der unterschiedlichen Charaktere der Magnum-Fotografen die Ausstellung geordnet?

Andréa Holzherr: Das Ausstellungskonzept basiert auf der Thematik „Grenzgänge“ oder „Transterritories“. Wir haben acht Häuser zur Verfügung, in denen wir diese Thematik aus unterschiedlichen Blickwinkeln und Gesichtspunkten angehen. Dort finden Gruppenausstellungen statt, in denen man gut das eine mit dem anderen verbinden kann, also immer einen Andockpunkt findet.

Jeder der acht Ausstellungsorte folgt einem eigenen Konzept. In diesem Ausstellungskonzept zeige ich mehrere Positionen von Magnum-Mitgliedern.

FOTO HITS: Die Bilder erzählen ja neben ihrer künstlerischen Qualität eine Geschichte. Wird diese auch erzählt?

Andréa Holzherr: Ja, indem kleinere Serien unter die Lupe genommen werden. Für sie gibt es erklärenden Texte jeweils am Eingang der Ausstellungsräume. Dazu kommen recht ausführliche Bildunterschriften. Und im Katalog haben wir – wo immer es ging – Originalzitate der Fotografen abgedruckt. Zusätzlich bieten wir Führungen an.

FOTO HITS: Was kann man sich unter der Überschrift „Grenzgänge. Territories“ vorstellen? Welche Grenzgänge sind gemeint?

Andréa Holzherr: Im Vergleich zum Deutschen wird der Begriff im Englischen oder Französischen erweitert gebraucht. Im Deutschen bezeichnet es als geographischer Begriff ein eingegrenztes Gebiet, das von einer Gruppen von Menschen besetzt ist. Im Englischen und Französischen kann es sich auch um soziale oder wirtschaftliche Areale handeln.

In den Ausstellungen beschreiben wir solche erweiterten Thematiken wie „Das umkämpfte Gebiet“, aber auch „Bündnis“, „Gemeinschaft“ und „Zusammenschluss“, private Bezirke wie das Zuhause oder deren Verlust durch Exil und Migration. Dann geht es auch um Ausgrenzung und Einschließung.

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Kostümierter Teenager, der Jugendkult-Bewegung „Cosplay“ zugehörig. Tokio, Japan, 2000. © Martin Parr/Magnum Photos/Focus

FOTO HITS: Diese Aufstellung zeigt die Stärke von „Magnum Photos“, nämlich das die Mitglieder ihre eigenen Themen bestimmen können. Donovan Wylie sagte bezogen auf die Aktualität von Reportagen: „Die Wellen sind wichtig, aber noch häufiger sind die Spuren, die sie hinterlassen, sogar wichtiger." Diese Zeitverzögerung ist aber auch eine Schwäche, denn es ist selten, dass die Fotografen zeitnah vor Ort sind.

Andréa Holzherr: Sie sind für die Nachbeben zuständig, die sich etwa in der Bevölkerung abspielen.

FOTO HITS: „Magnum Photos“ versteht sich als eigenständige Presseagentur mit hohem künstlerischen Anspruch. Heute können sich die Teilnehmer vom Verkauf der Bilder alleine nicht mehr finanzieren. Viel kommt jetzt etwa über Bücher und Postkartenmotive herein, aber sogar das Archiv wurde 2010 verkauft. Wie sehen Sie die Zukunft von „Magnum Photos“?

Andréa Holzherr: Alle Unternehmen bekommen zu spüren, dass sich die Welt verändert hat. Und „Freelance“ (die Arbeit als freier Fotograf. Die Redaktion) bedeutet auch nicht mehr dasselbe wie vor fünfzig Jahren. Natürlich hat sich gerade im Medien- und Pressebereich vieles geändert: Einerseits erleichtert das Internet die Arbeit sehr. Man muss keine Filmrollen mehr mitschleppen und Leuten aushändigen, die einem unbekannt sind, um dann zu beten, dass sie irgendwann im Büro ankommen. Die Fotografen können die Daten selbst schicken, was eine große Erleichterung darstellt.

Andererseits ist der Print- und Medienbereich, der bis in die 1990er Jahre der Hauptauftraggeber war, heute weg, und die Agentur verkauft etwa Fotoabzüge für Sammler. Was also weggebrochen ist, das müssen wir versuchen, durch andere Einkommen zu kompensieren. Dazu gehört auch der Verleih unserer Ausstellungen oder Aufträge etwa von ONGs (Nichtregierungsorganisationen) oder sonstigen gemeinnützigen Institutionen .

FOTO HITS: In wenigen Sätzen: Wo sehen Sie heute noch das Alleinstellungsmerkmal von „Magnum Photos“?

Andréa Holzherr: Es liegt in ihrer Struktur. Wir waren die erste unabhängige Fotografenkooperative und sind noch eine der wenigen existierenden. Es gab zwar immer wieder andere Versuche, aber so lange wie diese Organisation hat es keine geschafft. Wir haben also unabhängige Fotografen, die unabhängig Weltgeschehen dokumentieren. Und das mit extrem hohem Anspruch.

FOTO HITS: … was in Zeiten von „emdedded journalists“, also vom Militär kontrollierten Berichterstattern, eine Qualität darstellt.

Andréa Holzherr: Ja. Zu uns gehört beispielsweise Moises Saman, der seit Anfang 2011 in Ägypten ist. Welche Presseagentur hat so jemanden? Zu dieser Zeit hat die Presse zwar viel über den „Arabischen Frühling“ und Ägypten gesprochen und dokumentiert. Aber was in Zwischenräumen passiert oder wie sich die Sachen in den letzten Jahren entwickelt hat, das sahen nur ganz wenige. Dafür muss man einfach frei sein.

Wer in einer anderen Presseagentur arbeitet, muss mal hier- und mal dorthin, etwa nach Wimbledon und dann liegt plötzlich Nelson Mandela im Sterben … Das hat zur Folge, dass man sich den selbst gesetzten Zielen nicht ordentlich widmen kann.