Interview

World Press Photo

Warren Richardson erzählt die Hintergründe seines dramatischen Siegerfotos.

Der Wettbewerb „World Press Photo“ bewahrt Menschen und Ereignisse davor, nach kurzer Zeit vergessen zu werden. Das beherrschende Thema in den Jahren 2015 und 2016 waren die Menschen, die in Europa Schutz suchen. FOTO HITS sprach mit dem Preisträger Warren Richardson über sein Siegerfoto, das den dramatischen Moment einer Flucht zeigt.

World Press Photo of the Year © Warren Richardson, Australien, 2015. Titel: Hope for a new life.
Richardsons Siegerbild entstand am 28. August 2015 gegen drei Uhr morgens an der Grenze zwischen Serbien und Ungarn. Nach fünfstündigem Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei waren die Flüchtenden ebenso wie der Fotograf am Ende ihrer Kräfte. Endlich fanden sie ein Schlupfloch an der Grenze zwischen Serbien und Ungarn. Ein Vater reichte sein Kind durch den Stacheldraht, bevor er selbst folgte.World Press Photo of the Year © Warren Richardson, Australien, 2015. Titel: Hope for a new life.

FOTO HITS: Was bedeutet es für einen Fotojournalisten, einen so renommierten Preis zu erhalten?

Warren Richardson: Das ist ein erstaunlicher Erfolg. Es ist schön zu wissen, dass sich die harte Arbeit ausgezahlt hat und dass man fast überall auf der Welt zusammen mit Aufnahmen wahrgenommen wird, die zu Bildikonen zählen.

Die Auszeichnung gibt mir den Antrieb, weiterzumachen und mich nach anderen Themen umzuschauen. Natürlich schenkt er mir auch weltweite Aufmerksamkeit, und damit die Gelegenheit, Dingen nachzugehen, die ich wirklich gerne machen will.

 

FOTO HITS: In den vorangegangenen Jahren gab es einige Diskussionen um digital nachbearbeitete Bilder, auch wenn es vorrangig um Farb- und Helligkeitskorrekturen ging. Welche Verbesserungen nehmen Sie gewöhnlich vor?

Warren Richardson: Nur sehr wenige. Es geht nur um Kleinigkeiten, wie die Tonwerte oder Kontraste anzupassen. Ich fotografiere zumeist direkt aus der Kamera und monochrom, da ich Schwarzweiß bevorzuge. 

Ich versuche, das Bild nicht allzu sehr aufzuwerten. Es soll selbst eine Geschichte erzählt, statt zu betrügen. Letztlich bin ich ein Fotograf der alten Schule - ich bin mit dem Kleinbildfilm aufgewachsen.

FOTO HITS: Entstand ihr Gewinnerbild analog? Wenn ja, muss die Lichtempfindlichkeit enorm gewesen sein, da es bei Mondlicht und ohne Blitz entstand, um keine Polizisten anzulocken.

Warren Richardson: Ich benutze zwar auch noch Filmmaterial, aber dieses Foto schoss ich mit einer Digitalkamera. Eingestellt waren ISO 6.400 bei Blende f1,4 und einer Belichtungszeit von 1/5 Sekunde. Das Bild kam unverändert aus einer Canon 5D Mark II, die ich auf den Modus "Schwarzweiß" gestellt hatte.

FOTO HITS: Wie streng waren die Vorgaben der Veranstalter?

Warren Richardson: Ich sollte beispielsweise auch je drei Bilder einschicken, die ich vor und nach dem aktuellen Siegerfoto geschossen habe. Außerdem hatte die Jury des WPP die Originale im Raw-Format und konnten etwa die ursprüngliche Farbe begutachten. Das Bild ist auch nicht beschnitten, sondern kam so aus der Kamera. Ich habe also nicht geändert und wenn, würde ich wahrscheinlich jetzt nicht mit Ihnen sprechen.

FOTO HITS: Neben der Retusche wird auch manchmal kritisiert, dass Bilder geschönt dargestellt werden. Paolo Pellegrin etwa wurde seine kompositorische Eleganz vorgeworfen, mit der er Tragödien wiedergibt. Wie stehen Sie hierzu?

Warren Richardson: Wenn eine Situation sich überschlägt, denke ich nicht allzu sehr an die Komposition. Die meiste Zeit habe ich die Kamera nicht am Auge, um eine Bildgestaltung auszuklügeln.

An machen Orten der Welt fotografiere ich mit der Kamera eine Armeslänge entfernt, um jeden Moment einzufangen, da ich möglicherweise niemals dorthin zurückkehre. Außerdem bin ich so Teil der Szenerie statt nur Bilder zu schießen.

In diesem Zusammenhang gilt, dass das beste Bild dasjenige ist, das ich nicht habe. Das kann Ihnen jeder Fotograf erzählen. Denn dann hat er die Kamera abgesetzt, um jemandem zu helfen.

FOTO HITS: Haben Sie eine Ausbildung, die Sie auf diesen Beruf vorbereitete?

Warren Richardson: Ich besuchte für ein paar Jahre einige Kurse in London, die sehr dicht bepackt waren. Einer meiner ersten Lehrer begutachtete mein Portfolio und fragte, ob ich für eine Agentur arbeite. Als ich verneinte, meinte er, dass es dafür kein Hindernis gäbe, da es ziemlich gute Arbeiten seien. Das war ein ziemlich guter Antrieb. Einige Monate später ergatterte ich einen Job, der mir erlaubte, an einige Ecken der Welt fotografisch unterwegs zu sein. Ich arbeitete etwa als Promi-Fotograf, was mir einige Fertigkeiten vermittelte. Dazu gehört auch, mit Menschen umzugehen, die einem keine offizielle Erlaubnis gegeben haben. Das ist Hardcore-Journalismus: Du bist dort, wo die Action ist, genau in der Mitte.

FOTO HITS: Allerdings sollte ein Fotograf niemals zum Teil seiner Story werden. Dennoch halfen manche flüchtenden Menschen, indem sie sie etwa ein Stück Weges im Auto mitnahmen. Wo muss man hier die Grenze ziehen?

Warren Richardson: Ich kann nur für mich selbst sprechen. Und ich ging ähnlich vor, indem ich in Ungarn Menschen in meinem Haus aufnahm. Zwischendurch waren es 25. Denn egal welche Regeln es gibt: Letztlich sind wir alle Menschen. Wenn es also darum geht, ein Foto zu schießen oder Anteil zu nehmen, wähle ich letzteres. Mit der Familie in meinem Haus etwa war es eine überwältigende, eine einzigartige Erfahrung.

FOTO HITS: Wenn man die Menschen besser kennt, läuft man aber in Gefahr, Situationen zu stellen. Das kann auch ganz unschuldig und in bester Absicht geschehen.

Warren Richardson: Manchmal hat man vorgefasste Vorstellung von einem Bild, es steht dann wie ein De ja Vu vor Augen. Dieses Bild will man liebend gerne im eigenen Portfolio sehen. 

FOTO HITS: Ein Foto verändert allerdings die Wahrnehmung etwa der Flüchtenden. Wie gehen Sie mit dieser Verantwortung um?

Warren Richardson: Ich hoffe, die Fotos haben einen positiven Einfluss. Denn die Probleme existieren ja nach wie vor, wenn man betrachtet, was momentan an der türkisch-mazedonischen Grenze passiert.

Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob sie wirklich einen nachhaltigen Eindruck machen. In den heutigen Medien ist man ja an einem Tag berühmt und am nächsten vergessen, ebenso ist es mit Ereignissen. Daher ist es wichtig, den Scheinwerfer auf die Flüchtlingssituation zu richten. Denn diese Menschen brauchen unsere Hilfe, insbesondere die Kinder und Alten. Wenn es sich um meine Mutter, meinen Bruder oder meinen Sohn handeln würde, wäre ich schließlich auch sofort motiviert.

Als Australier kann ich nicht für Europa sprechen. Aber man sollte sich einfach vorstellen, in ihren Schuhen zu stecken un zu überlegen, wie man selbst als menschliches Wesen behandelt werden möchte.

Meine Erfahrung mit den Leuten ist: Sie besitzen nichts, bieten aber alles an. Ich nahm beispielsweise zusammen mit Flüchtenden einen Zug nach Kroatien. Ich hatte kaum Essen und Wasser dabei, aber sie gaben mir alles, was sie entbehren konnten. Das hatte mich überrascht: Sie waren Vertriebene, während ich abends in ein warmes, komfortables Haus zurückkehren konnte. Auf diese Weise habe ich viele wertvolle Dinge gelernt.

FOTO HITS: In Zeiten des Internets werden Augenzeugen wie Sie immer wichtiger. Manche Journalisten begleiten etwa Afrikaner auf gefährliche Bootsreisen übers Mittelmeer. Wie stehen Sie zu solchen spektakulären Aktionen?

Warren Richardson: Ich kann verstehen, dass jemand diese Geschichten erzählen will. Solche Aktionen sind ein Teil davon. Sie müssen weitergegeben werden, denn die Welt muss sie beachten.

FOTO HITS: Das Drama heute ist so weitreichend dokumentiert, weil auch die Flüchtenden selbst etwa Videos und Fotos davon teilen. Sollte dies ein Teil moderner Berichterstattung sein, oder fehlt hier der Filter durch Experten?

Warren Richardson: Wir leben in einer Zeit, in der die sozialen Netzwerke eine große Sache sind. Ich erinnere mich an einen Helikopterabsturz in Großbritannien vor einigen Jahren. Das größte Medienunternehmen schickte zwei Fotografen. Doch als sie ankamen, hatten Passanten bereits die Nachricht mit ihren Smartphones geteilt. Wir werden das nicht aufhalten. Zeiten, wie sie der Kriegsfotograf Don McCullin erlebt hat, sind vorüber.

FOTO HITS: Diese Art der Berichterstattung ist offen für Propaganda. Es fehlen Instanzen, die die Glaubwürdigkeit überprüfen. Man denke etwa an die widersprüchlichen Bilder bezüglich des Flugzeugabschusses in der Ukraine.

Warren Richardson: Ja vermutlich wurde es durch eine Luftabwehrrakete abgeschossen. Sobald die Propaganda übernimmt, kann niemand mehr auf eine andere Wahrheit hinweisen. Andererseits gibt es die erwähnten Menschen, die sich etwa mit Flüchtenden auf Boote begeben. Diese Journalisten versuchen das Äußerste, um trotzdem die Wahrheit herauszufinden.

Sie haben vielleicht gelesen, wie es mir an der ungarisch-serbischen Grenze erging. Ich gehörte zu den Journalisten, die zusammen mit protestierenden Flüchtlingen von der Polizei niedergeknüppelt wurden. Solche Sachen kann man nicht vorhersehen, da man niemals weiß, wohin sich die Menge bewegt. Letztlich diente auch dies als Propaganda, es war eine Taktik, um die Flüchtlinge zu ängstigen.

FOTO HITS: Augenblicklich dienen ja die Bilder der Menschen in Idomeni als Druckmittel, mit denen Österreich, Deutschland und Griechenland wechselseitigen Einfluss ausüben.

Warren Richardson: Ja, das hat etwas von Pornografie.

FOTO HITS: Wie haben Sie sich auf diese Reportage vorbereitet?

Warren Richardson: Meine Partnerin dort gehört zu den Medien. Daher war sie gut über die Lage informiert und ich konnte mich einfach auf den Weg machen. Natürlich besaß ich kein Geld, um mir ein luxuriöses Hotel zu leisten. Ich nahm also einen Rucksack und wurde zum Teil der Flüchtlingsmenge.

FOTO HITS: Dafür muss man eine große Einsatzbereitschaft mitbringen.

Warren Richardson: So wie ich das sah, gehört dies zu den großen historischen Momenten, es ist Geschichte. All diese entwurzelten Menschen, die sich nach Europa aufmachen - ich hätte nicht gedacht, dass so etwas geschehen würde. Ich hatte die Wahl, die Augen zu schließen, oder ein Teil davon zu werden. Was das Bild am Grenzzaun so kraftvoll macht, ist die Geschichte, die es erzählt.

Und was geschieht mit der nachfolgenden Generation, die sich mit deutscher und europäischen Kultur auseinandersetzt? Werden sie uns vorwerfen, wie wir uns verhalten haben? Was heute passiert, wird Auswirkungen auf meinen Sohn haben. Wir müssen jetzt die nächste Generation anleiten. Denn wie wir diese Menschen behandeln, wird massive Auswirkungen nach sich ziehen.

FOTO HITS: In der Tat. Was könnte ein besserer Schutz gegen künftigen Terrorismus sein, als Tausende von Arabern, die Europa wertschätzen.

Warren Richardson: Tatsächlich konnte ich viele Freundschaften mit Flüchtenden schließen und habe nach wie vor Kontakt via Facebook.

FOTO HITS: Allerdings zielt ein Foto eher auf das Gefühl als auf den Verstand - für ihn sind eher Texte zuständig. Ist das die Aufgabe Ihres Fotos: Die Herzen zu bewegen?

Warren Richardson: Das ist wie die Balance von Yin und Yang. Wir haben genug Propaganda und negative Schlagzeilen. Wenn ein Mann vortritt, und eine Geschichte so erzählt, wie sie wirklich geschehen ist, muss es nicht um jemandes Herzen gehen. Sie muss einfach erzählt werden. Das schafft einen Ausgleich.

Warren Richardson, Bild: Ildiko Fulop
Warren Richardson, Bild: Ildiko Fulop

Warren Richardson

Der Sieger des Wettbewerbs "World Press Photo 2016" arbeitet als Pressefotograf. Sein Metier brachte sich der 1968 geborene Australier weitgehend selbst bei. Anfangs arbeitete er als Promi-Fotograf, doch widmete er sich zunehmend Langzeitreportagen .