Interview

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Expeditionen auf dünnem Eis

Sebastian Copeland kämpfte sich bei seinen Abenteuern bis zu 10.000 Kilometer durch die Arktis. Dabei fand er noch Zeit, berückende Bilder zu schießen. Er erzählt unter anderem, wie man bei bis zu minus 60 Grad Meisterwerke schafft.

FOTOHITS: Sie waren ein erfolgreicher Fotograf und Regisseur für Musik- und Werbefilme. Wie änderten sich Ihre Pläne?

Copeland: Ich fühlte mich schon immer tief mit der Natur verbunden. Mit drei Jahren fuhr ich Ski und segelte, später faszinierten mich die Berge. Daher war es ganz natürlich, dass ich über entsprechende Forschungen las. Fernsehen gab es bei uns erst, als ich 16 war. So entdeckte ich unter anderem die Bücher von Jack London oder Thor Heyerdahls „Kon Tiki“.

Aber ich war ein scheues Kind und lebte in meiner eigenen Welt. Bis zum Alter von acht Jahren sprach ich nur wenig. Wenn man so introvertiert und zugleich neugierig ist, macht dies einen zum Sonderling. Ich will immer so viel wie möglich über alles Denkbare wissen. Der Wissenschaftler Albert Einstein sagte einmal etwas Treffendes: „Wichtig ist, dass man nicht aufhört zu fragen. Neugier hat ihren eigenen Seinsgrund.“

FOTOHITS: Also war der Übergang vom Videodreh zur Klimaforschung fließend?

Copeland: Absolut. Mein Leben war nie eindimensional und sicher brachte mich nichts von meinem Interesse an der Umwelt ab.

The Arctic: A Darker Shade of White

Der Bildband ist sowohl fotografisch als auch inhaltlich einzigartig. Das liegt nicht nur daran, dass nur wenige Menschen aus der arktischen Eiswüste Fotos mitbringen. Zudem schaffte er es trotz aller Gefahren stimmungsvolle Szenerien einzufangen. Wie er im Interview mit FOTO HITS 4/2025 schilderte, bedeutete dies Frostbeulen an den Händen und er musste einen mit Fotozubehör beschwerten Schlitten selbst ziehen - und das über Hunderte von Kilometern. Wer halbwegs des Englischen mächtig ist, wird mit weiteren großartigen Geschichten belohnt.

Das Meisterwerk wurde bereits mit den renommierten Preisen „IPA 2024 Photographer of the Year“ und „TIFA 2025 Book of the Year“ ausgezeichnet.

The Arctic: A Darker Shade of White. Rizzoli 2024, englisch, 208 Seiten, Hardcover, ISBN 978 084783168 5, Preis: 88,99 Euro

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FOTOHITS: Das erklärt den Wissenschaftler, aber nicht den Abenteurer. Welche Einflüsse formten ihn?

Copeland: Ich war gut in Sport, beispielsweise als Mittelstreckenläufer, daneben spielte ich Rugby und Tennis. Während der Ferien verbrachte ich ungefähr zehn Stunden täglich am und im Meer mit Tauchen und Windsurfen. Davon konnte ich nie genug bekommen.

Außerdem gab es einen Großvater, der – leider – Großwildjäger war. Er liebte die Natur und hatte einen starken Einfluss auf mich. Er lebte in Indien, wo auch meine Mutter und Großmutter geboren wurden. Nebenbei erlegte sie ebenfalls Tiger.

Im mittleren Alter tauschte er sein Gewehr gegen eine Kamera ein. Zu dieser Zeit lernte ich ihn kennen. Nachdem die Briten 1947 aus Indien hinausgeworfen wurden, lebte er in Swasiland.

Im Alter von elf Jahren besuchte ich meinen Großvater erstmals in Swasiland. Er zeigte mir Diashows von allen Tieren und ich fotografierte mit einer kleinen Plastikkamera, wie man sie 1975 kaufen konnte.  Ich sage gern, dass ich mir die Fotografie nicht ausgesucht habe, sie wählte mich. Neben Sport und Wissenschaft zog es mich also auch zur Kunst.

FOTOHITS: Wie sind Sie von Hollywood in die Eiswüste gelangt?

Copeland: Nach meiner College-Zeit mit den ersten Konzertfotos arbeitete ich unter anderem für die Werbung oder fotografierte Poster für Hollywood. Ich besaß ein gewisses Talent und es entpuppte sich als lukrativ, da man in den 1980er-Jahren damit viel Geld machen konnte. Sobald ich genug mit einem Job verdient hatte, zog ich mit meinem Bus und dem Hund los, um zu surfen. Oder ich ging in die Berge, um allein zu sein.

Aber ich gehörte nie wirklich zur Werbeindustrie. Beispielsweise war ich nicht besonders gut darin, mit Klienten oder einem Art Director zu kommunizieren.

Ein alter Professor für Klimakunde – mein Mentor an der Universität von Stanford – sagte zu mir: „Warum verschwendest du deine Zeit für einen Unsinn, den du nicht einmal magst? Auf einem Eisbrecher in die Antarktis ist noch ein Platz frei.“ Ich nahm mir eine Auszeit und verbrachte dort zwei Saisons, die für mich alles veränderten.

FOTOHITS: Was packen Sie für Ihre Expeditionen an Fotoausrüstung ein?

Copeland: Das hängt vom Reiseziel ab. Lange Zeit nahm ich eine analoge Linhof 4×5 oder ein Linhof 617 mit, eine Panoramakamera. Ich bin auch viel mit der Mamiya 7 gereist, die im Format 6×7 aufnimmt.

Doch wenn man ehrlich ist, waren Digitalkameras für meine Arbeit ein Gottesgeschenk. Das frühere Filmmaterial erwies sich bei kalten Temperaturen als Rohrkrepierer. Es riss mir beispielsweise, wenn ich den Film weiterspulte. Oder es lagerte sich Kondenswasser auf dem Negativ ab.

Man darf gar nicht an Fotoplatten im Großformat denken, wie sie Frank Hurley zu Beginn des 20. Jahrhunderts verwendete, als er Shackletons Antarktisexpedition begleitete. Zum goldenen Zeitalter dieser Fotografie gehörte auch Herbert Ponting, der anfangs bei Robert Falcon Scotts Forschungsreise dabei war. Wenn sie es damals schafften, dann kann ich es heute auch. 

Ich verwende jetzt hauptsächlich die Canon 5DS R und fotografiere mit Zeiss-Objektiven, vor allem mit der Otus- und Milvus-Serie. Das Otus 85mm F/1.4 ist besonders wegen seines Bokehs außergewöhnlich, gleichmäßig scharf und ohne Vignettierung, was beim Stitching von Panoramen wichtig ist.

FOTOHITS: Auf Ihrem Schlitten gibt es begrenzten Platz, zudem müssen Sie ihn selbst ziehen. Verstauen Sie tatsächlich eine schwere Mittelformatkamera?

Copeland: Ein Zeiss-Objektiv wiegt durchschnittlich zwei Kilogramm. Wenn eine Reise drei oder vier Monate dauert, nehme ich drei Zooms mit, nicht mehr. Trotzdem: Wenn mein Partner also 185 Kilogramm hinter sich herzieht, sind es bei mir mit Stativ, Ersatzbatterien und einem zweiten Kamera-Body mehr als 200 Kilogramm.

Dazu kommen weitere Hindernisse. Wenn während des Winters die Sonne tief steht, kann man Akkus nicht mithilfe eines Solar-Moduls laden. Zudem genügt bereits die Wärme des Augenlids, damit der Sucher beschlägt und ich nichts mehr sehe.

FOTOHITS: Trotzdem entstanden sechs beeindruckende Fotobücher.

Copeland: Die letzten drei sind mir die wichtigsten. Diese Trilogie enthält "Antarctica: The Waking Giant", "Polar Expeditions" und nun "The Arctic".

Angesichts der Kälte zählen vielleicht nur zwei oder drei Prozent aller Bilder zu Fine-Art-Fotografie. Bei minus 40 Grad fragt niemand nach Tonwerten und Belichtung, sondern nimmt, was vor die Linse kommt. Technisch beschränke ich mich meist auf die Automatik.

(c) Sebastian Copeland
Iceberg XLVII Grönland 2024, aus: The Arctic, Rizzoli 2024 (c) Sebastian Copeland

FOTOHITS: Während man durchs ewige Eis stapft, dürfte jede Aufnahmesituation schwierig sein. Wie kann man sie sich vorstellen?

Copeland: Es ist jedenfalls kein Spaß. Ich schnalle mein Brustgeschirr ab, gehe zum Schlitten, ziehe meine Handschuhe aus, krame die Kamera heraus, nehme die Batterien aus meiner Achselhöhle, wo sie warm bleiben und mache alles startbereit. Währenddessen kühlt mein Partner aus, weil die Funktionskleidung darauf ausgelegt ist, dass er sich bewegt.

Um Zeit zu sparen, benutze ich den Autofokus und passe nur wenige Kameraeinstellungen an. Bereits durch solche Aufnahmen bekam ich Erfrierungen an beiden Händen. Für künstlerische Aufnahmen fahre ich mittlerweile in den weniger kalten Jahreszeiten zwischen Frühling und Sommer. Anfangs sind es allerdings noch immer minus 35 Grad, später nur noch minus 15 Grad.

FOTOHITS: Konnten Sie über die Jahre hinweg schon mit bloßem Auge die Folgen des Klimawandels wahrnehmen? 

Copeland: Man erkennt ihn nicht am Eis selbst – es ist weiß. Man muss etwa das Volumen messen oder den Schwund in im Vergleich zu anderen Jahren. Doch am arktischen Meer ist es sichtbar. Er ist seit über 125.000 Jahren, möglicherweise seit einer Million Jahren, ununterbrochen gefroren. Und das auch während der lokalen Warmzeit des Mittelalters.

Da die Eisdecke nicht mehr trägt, wäre meine Reise von 2009 heute nicht mehr machbar. Von oben scheint es noch wie gewohnt jahreszeitlich zu schrumpfen oder sich auszudehnen. Doch anders als über zehn Jahre altes Eis enthält es viel Luft und bricht daher leicht durch Wellenbewegungen. Dann verbindet es sich wieder, bricht, und so weiter. Da keine stabile Landebahn mehr existiert, können Flugzeuge nicht mehr landen, um dich am Anfang oder Ende der Expedition abzuholen. Außerdem ist es weniger eben, weswegen man Schlitten über bis zu drei Meter hohe Wälle ziehen muss.

FOTOHITS: Angesichts der Ergebnisse der Klimakonferenz in Aserbaidschan dürfte klar sein, dass die Gier nach Rohstoffen über die Vernunft siegte. Glauben Sie, Ihre Bücher ändern etwas?

Copeland: Ich bin nicht der beste Fotograf, Abenteurer oder Advokat für irgendetwas. Zweck meiner Existenz scheint mir zu sein, komplexe Information in Emotion zu verwandeln. Darin bin ich richtig gut. Denn auch Ökologie benötigt Marketing.

Wir müssen unsere Entfremdung von der Natur wieder auf die Reihe bekommen. Das Industriezeitalter steht allem entgegen, wie wir in den letzten Tausenden von Jahren mit ihr koexistierten. Als wir begannen, fossile Brennstoffe zu nutzen, entstanden daraus großartige Dinge, aber ein kleines Abfallprodukt bewirkt nun riesige Probleme. Mit derselben Klugheit und Ingenieurskunst – Stichwort „erneuerbare Energien“ – können wir es vielleicht wieder geradebiegen.

Über Sebastian Copeland

Der US-Amerikaner studierte Geowissenschaften mit Schwerpunkt Glaziologie und Astronomie. Er arbeitete 2006 und 2007 auf dem wissenschaftlichen Eisbrecher Ice Lady Patagonia.

Copeland saß 15 Jahre lang im Vorstand der von Präsident Gorbatschow gegründeten Umwelt-NGO Global Green USA. Er gastierte als Redner bei vielen Institutionen und Vereinen. So sprach er bereits vor der UNO, bei der Pariser Klimakonferenz (2015), im George Eastman House sowie in vielen TV- und Radiosendungen über die Gefahren des Klimawandels. Seine Werke befinden sich weltweit in Museen, Galerien und in renommierten Kunstsammlungen.

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