Oliviero Toscani ist tot
Der Unruhestifter wird zur letzten Ruhe gebettet
Am heutigen Montag starb Oliviero Toscani. Er war unheilbar an der Krankheit Amyloidose erkrankt, die zu Organversagen führt. Der Starfotograf wurde 82 Jahre alt.
Mit seinen Werbekampagnen für die Modemarke Benetton löste der Italiener ab den 1980er-Jahren einige Skandale aus, die sogar den Vatikan auf den Plan riefen. Denn der Freigeist scherte sich weder um guten Geschmack noch um religiöse Tabus. Manchem dürften noch die Nonne und der Priester in Erinnerung sein, die sich küssen, zu den Schockfotos gehören der sterbende AIDS-Kranke David Kirby oder die blutige Kleidung eines bosnischen Soldaten. Nichtsdestoweniger gingen die Verkaufszahlen der Modemarke „Benetton“ durch die Decke.
Die Motive könnte man als effekthascherisch verurteilen, allerdings transportierten sie durchaus eine ethische Botschaft. In einer Zeit, als der Bundestagsabgeordnete Horst Seehofer AIDS-Infizierte und Kranke „in speziellen Heimen [...] konzentrieren“ wollte, zeigte sie Kirby im Kreise ihrer trauernden Familie und appellierte so an unser Mitgefühl.
Anlässlich der Ausstellung „Oliviero Toscani: Fotografie und Provokation“ in Zürich interviewte FOTO HITS ihn in der Ausgabe 10/2024. Im Gespräch wurde zwar gelegentlich seine Krankheit bemerkbar, doch gab er sich nach wie vor kämpferisch. Klar sagte er beispielsweise "Kunst ohne Provokation ist völlig nutzlos. Wenn ein Maler oder Fotograf nur ästhetischen Regeln folgt, hat er seine Hausaufgaben nicht gemacht."
Neben der berühmt-berüchtigten Motive dürfen Toscanis andere Arbeiten nicht vergessen werden. Für das Projekt „I bambini ricordano“ (Die Kinder erinnern sich) etwa porträtierte er die Überlebenden eines Massakers der Waffen-SS im Zweiten Weltkrieg, die damals Kinder waren. Geradezu verblüffend unspektakulär war auch sein Langzeitprojekt „la razza umana“ (die Menschheit), wofür er vor weißem Hintergrund zufällige Passanten ablichtete. Die über 70.000 Aufnahmen sollten ein Porträt der Menschheit in all ihren Facetten darstellen.
Toscani war ein Unruhestifter im besten Sinn. „Menschen wollen gut und ruhig innerhalb ihrer eigenen dummen Entscheidungen leben“, sagte er im Interview. Er aber wollte Diskussionen auslösen über die Probleme, die unsere Gesellschaft betreffen.