Rückschau auf eine Fotolegende
Die Sichtweisen von Lisette Model erhellt
Die Menschen auf Lisette Models Bildern sind oft aufgedonnert, korpulent oder zahnlos. Aber man täte der Fotografin unrecht, ihr eine zynische Sichtweise vorzuwerfen. Sie vertrat vielmehr klare Standpunkte: Reiche Menschen zeichnet sie oft als Karikaturen, die kräftige Dame auf Coney Island (siehe oben) aber als fröhlich und selbstsicher. Ähnlich gestaltete sie einfühlsame Bildreportagen über Blinde oder verarmte Arbeiter. Zudem gehörte sie selbst zu den Außenseitern: In der McCarthy-Zeit weigerte sie sich, Kollegen zu verraten und erhielt keine Aufträge. Daher wohnte sie in einem Keller und schlug sich mit Fotolehrgängen durch. Nicht zuletzt musste sie sich als Frau in der männlichen Reporterwelt durchschlagen.
Einer der sieben Abhandlungen erhellt Models Herangehensweise: Sie schöpfte aus der Bildsprache des Expressionismus, der keine Vorzeigekörper wollte. Die Formgebung etwa eines Egon Schiele mag grotesk erscheinen, doch letztlich sind seine Figuren verletzbar und zerbrechlich. Es liegt an der Haltung des Betrachters, ob er sich für einen ironischen oder mitfühlenden Blick entscheidet. Die Biografie bietet jedenfalls eine hervorragende Einführung in das Werk der Fotografin.
Walter Moser (Hrsg.): Lisette Model. Prestel 2025, Hardcover, 256 Seiten, ISBN 978 3 7913 7659 2, Preis: 49 Euro
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