Angelika Buettner präsentiert in ihrem Buch nichts weniger als die göttliche weibliche Figur des 21. Jahrhunderts. Diese ist über 40 und bereit, sich ihre Sinnlichkeit zu eigen zu machen, ohne sexualisiert zu werden. Wie man solchen Frauen fotografisch huldigt, legt das Interview offen.
FOTOHITS: Wie kamst Du auf die Idee, ein Fotobuch nur mit Frauen über 40 zu gestalten?
Büttner: Das „I AM“-Projekt entstand aus einem sehr persönlichen Bereich in mir. Ich war schon immer fasziniert von der stillen, kompromisslosen Stärke von Frauen – besonders von denen, die gelebt, durchgehalten und sich weiterentwickelt haben. Mit der Zeit wurde ich zunehmend frustriert darüber, wie unsichtbar Frauen über 40 in den Medien und in unserer Kultur sind. Ich wollte Raum schaffen für echte Repräsentation – roh, ehrlich und kraftvoll.
Was als eine Art Hommage begann, entwickelte sich zu einer kollektiven Bewegung: 121 Frauen im Alter von 40 bis 99 Jahren, nackt porträtiert, mit zutiefst persönlichen Statements. Jedes Porträt ein visuelles Manifest. Jedes ein Spiegelbild. Es ist nicht einfach nur ein Buch – es ist ein Werk über Wahrheit, Würde und eine Schönheit, die keine Erlaubnis braucht. So wurde „I AM – celebrating the perfect imperfect“ geboren.
FOTOHITS: Dein Buch zeigt diese Frauen mit all ihren - ich betone dies: scheinbaren - Makeln. Ist der Begriff überhaupt angebracht?
Büttner: Für mich gibt es keine Makel. Das waren mehrheitlich Frauen, die sich noch nie nackt ablichten ließen. Sie verstanden genau das Konzept und dass eine Aussage herauskommt, hinter der sie stehen. Ich fragte jede Frau: Wie siehst du dich? Wo fühlst du dich am wohlsten? Willst du im Bett fotografiert werden im Wasser, im Wald, auf der Wiese? So kamen viele unterschiedliche Fotos heraus.
Der Bildband „I AM – Celebrating the Perfect Imperfect“ von Angelika Buettner feiert die Schönheit von 121 Frauen über 40. Neben den Fotos erzählen Zitate, Essays und Gedichte deren Sichtweise. So macht sie die Menschen im besten Wortsinn sichtbar, mit all ihrer Leichtigkeit und Lebenslust.
Buchvorstellung bei Instagram: instagram.com/iam_by_angelikabuettner/
Hardcover, 121 Abbildungen in Farbe und Schwarz-Weiß, Englisch, ISBN 978 0 578 57628 2, Preis: 75 Dollar, umgerechnet etwa 70 Euro
Zu Beziehen über: iam-themovement.com
FOTOHITS: Du sprichst von einer kollektiven Bewegung, die also die ganze Gesellschaft mitnimmt. Inwieweit gilt das für alte Männer oder junge Frauen?
Büttner: Auch wenn „I AM“ Frauen über 40 ins Zentrum stellt, geht es im Kern um etwas, das uns alle betrifft: Sichtbarkeit, Würde, Selbstannahme. Die Geschichten dieser Frauen spiegeln universelle Erfahrungen – von Veränderung, Verletzlichkeit, Stärke, vom Älterwerden und vom Menschsein.
Gleichzeitig ist es auch ein Projekt über Schönheitsideale in unserer Gesellschaft. Wir leben in einer Welt, in der Jugend oft gleichgesetzt wird mit Schönheit, in der Altern mit Unsichtbarkeit verwechselt wird. I AM stellt sich bewusst dagegen. Es geht darum, Schönheit in jedem Menschen zu sehen – ob jung oder alt. Es geht darum, unsere Unterschiede nicht zu verstecken, sondern sie zu feiern.
Für junge Frauen ist das Projekt eine Einladung, sich nicht in äußeren Urteilen zu verlieren, sondern den eigenen Weg zur Selbstliebe zu finden. Gerade junge Frauen sind so voller Selbstkritik und machen sich das Leben schwer mit auferlegten Ansprüchen, wie es auszusehen hat. Ich bekam Kommentare von jungen Frauen, die ausdrückten, wie wichtig es für sie war, ältere Frauen zu sehen, die mit sich zufrieden sind.
Und für Männer – auch ältere – ist es eine Gelegenheit, sich mit den gleichen Fragen zu beschäftigen: Was macht mich aus, jenseits der Oberfläche? Was heißt es, sich selbst zu akzeptieren? I AM = ICH BIN.
Die Bewegung beginnt bei diesen Frauen – aber sie endet nicht dort. Sie lädt ein zum Hinschauen, zum Zuhören, zum Anerkennen. Ich glaube fest daran, dass echte Veränderung erst passiert, wenn wir uns gegenseitig sehen. Ohne Filter. Ohne Scham. Und mit offenem Herzen.
FOTOHITS: Ranntest Du damit nicht offene Türen ein? Generell änderten sich auch bei jungen Models die Kriterien, nach denen sie beurteilt werden, Stichwort „Diversity“.
Büttner: Ja, Gott sei Dank hat es sich gewaltig verändert. Aber es reicht nicht, wenn etwa Heidi Klum in ihre Show „Germany’s Next Topmodel“ zwei Seniorinnen aufnimmt. Sie hebt Frauen heraus, die trotz und nicht wegen ihres Alters als hübsch gelten. Zudem wird ihnen vorgegaukelt, dass sie zuvor einiges an sich machen müssten.
Es gibt auch einige ältere Frauen, die ihre Homepage und Tag ein Foto von sich machen. Ich denke dann: Wenn Sie immer noch Tausende von Followers haben, die es liken - sollen Sie doch. Aber wenn alles gleich ist und jedes Mal Smileys erhält, wirkt es ein bisschen gefaked.
Im Gegensatz dazu war beispielsweise ein Shooting mit Hannelore Elsner für mich ein absolutes Highlight. Sie ist voll in die Aufnahmen reingegangen. Es war ein toller Tag.
FOTOHITS: Wie waren die Rückmeldungen?
Büttner: Gerade in Deutschland kam das Buch supergut an, zu 90 Prozent lautete die Resonanz etwa "mutig" oder "toll". Zudem hatte ich Veröffentlichungen in den Zeitschriften "Stern" und "Brigitte".
FOTOHITS: Fotografen nutzen beispielsweise weiches Licht und einen Goldreflektor, um der Haut zu schmeicheln. Aber um solche Tricks geht es bei dir ja gerade nicht. Wie hast du die Beleuchtung eingesetzt?
Büttner: Licht und Schatten sind emotionale Mitgestalter meiner Arbeit. Ich nutze sie, um den Blick zu lenken, Intimität aufzubauen, das Unsagbare anzudeuten. Sie helfen mir, eine Stimmung zu formen, Nähe sichtbar zu machen und die emotionale Komplexität meiner Protagonistinnen auszudrücken.
Oft arbeite ich mit natürlichem Licht – mal weich und umarmend, mal hart und ungeschönt – je nachdem, welche Geschichte ich erzählen will. Manchmal lasse ich das Licht das ganze Bild durchfluten, um Offenheit und Verletzlichkeit zu feiern. Und manchmal lasse ich die Schatten sprechen – sie bringen Tiefe, Geheimnis, Seele.
Jede Linie, jede Narbe, jede Rundung ist Teil der Geschichte. Ich retuschiere sie nicht – ich würdige sie.
FOTOHITS: Bitte beschreibe den Leserinnen und Lesern, wie beispielsweise das Shooting zum Coverfoto von I AM ablief.
Büttner: Interessanterweise stand bis ganz zum Schluss nicht fest, welches Bild es auf das Cover schaffen würde. Ein Cover hat andere Anforderungen als eine Doppelseite im Buch: Es soll nackt sein, aber nicht zu enthüllend – eher andeutend, offen für die Fantasie, was sich im Inneren des Buches offenbart.
Das Shooting selbst fand an einem extrem heißen Tag in Connecticut (USA) statt. Geplant war ein Unterwasser-Shooting in unserem eigenen Gannet-Pool mit einer wunderschönen Treppe – fast skulptural.
Die Frau auf dem Bild heißt Denise – eine Langstreckenschwimmerin in offenen Gewässern. Ihr Element ist das Wasser, ohne Frage.
Sie konnte lange unter Wasser bleiben, ruhig und konzentriert. Ich selbst war mit einer Schwimmbrille und meiner NIKON COOLPIX ausgestattet – eine kleine, aber erstaunlich leistungsfähige Kamera für Unterwasseraufnahmen.
Das Licht war magisch: komplett gegenlichtig, mit einer Klarheit, die die Luftblasen beim Ausatmen leuchten ließ. Wir haben sehr viel fotografiert – denn unter Wasser habe ich deutlich weniger Kontrolle über Ausdruck, Haltung, Details, Bildkomposition. Aber genau in diesem Unvorhersehbaren liegt oft das Besondere. In der späteren Auswahl stach ein Bild besonders hervor, in der diese bestimmte Magie spürbar war.
Ich habe das Rohmaterial schließlich in ein Schwarzweißbild umgewandelt – es reduzierte alles auf das Wesentliche: Form, Bewegung, Licht, Gefühl. Und nach der finalen Entscheidung mit der Art-Direktion war klar: Das ist das Cover. Ein stilles Bild voller Tiefe und Kraft. Genau wie das Projekt selbst.
FOTOHITS: Wie erreichst Du einen persönlichen Zugang zu den Models?
Büttner: Im Studio hat man oftmals eine kontrollierte Atmosphäre. Aber ich liebe es lebhafter, Authentizität ist eigentlich das richtige Wort dafür. Wenn sich ein Model wohlfühlt, dann ist es einfacher zu sagen: Komm, lass uns dieses oder jenes probieren. Die Kamera zieht dann einfach mit und ich könnte endlos fotografieren.
FOTOHITS: Passt das in den Zeitplan einer Profifotografin?
Büttner: Es geht weniger um Zeit. Vielmehr dreht es sich um Persönlichkeit. Und um Vibes, also wie ich auf die Leute zugehe. Das geschieht instinktiv und intuitiv.
Beispielsweise trinken wir einen Tee oder ein Café zusammen, und dann geht’s los. Man kann ja nicht jedes Mal einen halben Tag mit den Aufnahmen verbringen.
FOTOHITS: Die Wertschätzung spielt also eine große Rolle?
Büttner: Die Leute vertrauen mir spontan, weil sie wissen, dass ich sie respektiere. Daher wollte ich auch selbst eine der Frauen im Buch „I am“ sein, gewissermaßen aus Respekt.
Die Fotografin wurde in Deutschland geboren und begann mit 23 Jahren ihre professionelle Karriere in Frankfurt. Kurz darauf zog sie nach Paris, wo sie mit ihren Arbeiten aus den Bereichen Beauty, Luxus und Modefotografie erfolgreich wurde, anschließend arbeitete sie einige Jahre in den USA in NYC. Inzwischen lebt sie im Südwesten Frankreichs, ist weiterhin international tätig und sehr engagiert in ihrer neuen Kunst und Buch-Projekten.