Eine Künstlerin gleicht einer Göttin, die eine eigene Welt erschafft. Zugleich ist sie wie jedes Lebewesen winziger Teil eines Ökosystems. Aus diesem Spannungsverhältnis heraus gestaltet Tamara Dean berauschende Bilder.
Tamara Dean erkundete ihren Garten auf höchst ungewöhnliche Weise als Aufnahmeort. Ihre Erfahrungen dabei beschrieb sie mit den Worten: „Ich tauchte meinen Körper in kaltes Wasser, vergrub mich in Erdspalten und hüllte meinen Körper in blühende Blumen – samt der dazugehörigen fleißigen Bienen. Am Ende eines jeden Tages war mein Körper von blauen Flecken, Kratzern und Bissen gezeichnet. Und doch ging ich aus dieser Erfahrung gestärkt durch das intime Gefühl hervor, enorm lebendig zu sein. Die Figur, die Sie in diesen Arbeiten durch die Landschaft laufen sehen, bin nicht nur ich, sondern eine Frau, die ich gern sein würde. Diejenige, die durch die Luft springen, über die Wipfel der Wälder fliegen und Bäume erklimmen kann.“
Ähnlich originell gestaltet sie ihre Unterwasseraufnahmen. Wie der Fotografin beides gelingt, erzählte sie im Interview.
FOTOHITS: Ihre Serien zeigen einen romantischen Einfluss, „Tone & Landscape“ etwa erinnert an John William Waterhouses „Hylas und die Nymphen“. Was bedeutet diese Kunstepoche für Sie?
Dean: Lustigerweise hatte ich als Teenager ein Poster von „Hylas und die Nymphen“ an meiner Schlafzimmerwand hängen. Waterhouses Werk und die romantische Tradition im weiteren Sinne prägten mich nachhaltig. Mich fasziniert an dieser Epoche nach wie vor die emotionale Intensität und symbolische Vielfalt. Es gibt eine unverhohlene Hingabe an Schönheit, Mythos und Natur – Eigenschaften, die auch heute noch tief nachhallen, sogar in der oft konzeptorientierten Kunstlandschaft unserer Zeit.
Besonders beeindruckt mich Waterhouses Darstellung der menschlichen Gestalt, insbesonders der weiblichen Figuren, und seine Fähigkeit, sie fast nahtlos mit der natürlichen Umgebungen zu verweben. Darin liegt eine Ehrfurcht, nicht nur vor der körperlichen Schönheit, sondern auch vor der emotionalen und symbolischen Verbindung zwischen Menschen und Landschaft. Diese Verflechtung von Körper und Gezweig versuchte ich auf meine eigene Weise zu erforschen.
Die Romantik ist zwar schon Jahrhunderte alt, aber noch immer aktuell. Ihre Themen sind zeitlos wie etwa Sehnsucht, Verwandlung und die Spannung zwischen Realität und Fantasie.
FOTOHITS: In der romantischen Literatur ist die Natur beides: schön und furchterregend. Sie stellen meist den ersten Aspekt dar. Warum?
Dean: Ich finde tiefen Trost in der Natur, dort fühle ich mich am lebendigsten, am verbundensten und am meisten ich selbst. Dieses Gefühl von Frieden und stiller Intensität versuche ich in meinen Werken einzufangen. Während die romantische Literatur oft die Dualität der Natur – ihre Schönheit und ihren Schrecken – erforscht, fühlte ich mich immer zu ihrer heilenden, leuchtenden Seite hingezogen.
Damit will ich nicht die Dunkelheit oder das Chaos leugnen, die in der Natur existieren, sondern vielmehr ein Gegengewicht bieten. Für mich wird die Landschaft zu einem Raum der Träumerei und Transformation. Ich feiere die Art und Weise, wie die Natur heilt, verjüngt und inspiriert. Dies ist das emotionale Terrain, das ich sowohl für mich selbst als auch für den Betrachter am spannendsten finde.
FOTOHITS: Die Ideen der Romantik waren auch eine Flucht vor Industrialisierung und rationaler Aufklärung. Was antworten Sie auf die Kritik?
Dean: Ich stimme zu, denn meine Arbeit ist in der Tat eine Form der Realitätsflucht. Aber ich sehe sie nicht als Verleugnung, sondern als einen wichtigen und notwendigen Akt der Bewahrung und Erneuerung. In unserer modernen Welt, die von Umweltzerstörung, digitaler Übersättigung und unerbittlichem Rationalismus geprägt ist, halte ich es für unerlässlich, Räume für Fantasie und emotionale Atempausen zu schaffen.
Die Romantik selbst entstand als Reaktion auf ähnliche Spannungen und bot einen Zufluchtsort vor der kalten Logik der Aufklärung und den Umwälzungen des industriellen Wandels. Meine Arbeit folgt dieser Tradition und nutzt Schönheit, Natur und Mythos, um Momente der Ruhe und Reflexion zu schaffen.
Es geht nicht darum, sich von der Realität abzuwenden, sondern sich ihr mit einem anderen Blickwinkel zu nähern, der Gefühle, Staunen und Poesie wertschätzt. Es liegt etwas friedlich Radikales darin, sich daran zu erinnern, dass es ein Wunder ist, überhaupt am Leben zu sein.
FOTOHITS: Wasser kann eine fast sichtbare Stille hervorrufen. Wie entdeckten Sie es als fotografisches Medium?
Dean: Ich fühlte mich schon immer vom abstrakten Wesen des Wassers angezogen – von seiner Fähigkeit, zu verformen, zu reflektieren und aufzulösen. Es hat etwas von Natur aus Geheimnisvolles und Suggestives an sich. Als fotografischer Ansatz ermöglichen mir Gewässer, die Grenze zwischen dem Gesehenen und dem Empfundenen, dem Wörtlichen und dem Symbolischen zu verwischen.
Ich fotografiere meist beim letzten Tageslicht, wenn die Sonne tief steht und das Licht flacher wird. Zu dieser Zeit leuchten die Farben stärker und alles wird in eine sanfte Stimmung getaucht. Die Luft wird still und die Wasseroberfläche zu einer Schwelle zwischen den Welten. In diesen flüchtigen Momenten finde ich die emotionale Resonanz und Klarheit, nach der ich suche.
FOTOHITS: Um sie einzufangen, bauten Sie sogar einen Pool samt Fenster, von dem aus Sie ein Model trockenen Fußes fotografieren können.
Dean: Ich entwarf ihn so, dass er einerseits als Unterwasserstudio nutzbar ist, andererseits meine Familie einen schönen Pool hat, wenn die Idee nicht funktionieren sollte.
Das große Fenster war ein wesentlicher Bestandteil des Bauentwurfs. Es entstand direkt aus meinen Erfahrungen beim Drehen der Serie „Endangered“ am Great Barrier Reef, wo ich mit einem Unterwassergehäuse arbeitete. So sehr ich diese Erfahrung schätzte, war ich doch zutiefst frustriert über die mangelnde Kontrolle über die Kamera. Als ich eine neue Arbeitsumgebung kreierte, wusste ich daher, wie ich volle Kontrolle über meine Kamera und die Beleuchtung behalte.
Das Fenster ermöglichte es mir, mit der Kamera und meinem Model verbunden zu bleiben, während ich gleichzeitig die fesselnde, fließende Qualität des Unterwasserlebens einfangen konnte.
FOTOHITS: Der Himmel im Hintergrund besteht aus bemaltem Stoff. Ich bin neugierig, wie Sie ihn herstellten.
Dean: Es handelt sich um Fotos, die ich von Himmeln und Landschaften machte. Diese werden dann auf großformatiges Material (drei Meter breit und etwa sechs bis acht Meter lang) gedruckt und in den Pool getaucht.
FOTOHITS: Sie arbeiten hauptsächlich mit verfügbarem Licht. Wie sind die Wetterbedingungen im Kangaroo Valley?
Dean: Ich lebe am Rande eines kleinen Dorfes namens Cambewarra. Im Sommer ist es sehr heiß, mit Höchsttemperaturen von bis zu 47 Grad, und im Winter sinkt die Temperatur auf bis zu null Grad. Der Rest des Jahres liegt innerhalb dieses Temperaturbereichs.
Zu bestimmten Zeiten im Jahr weht hier ein sehr starker Wind, der den Pool durcheinander wirbelt. Ich verbringe viel Zeit damit, Blätter und Schmutz zu entfernen, um die für Aufnahmen erforderliche Klarheit zu bekommen.
FOTOHITS: Ohne Gespür für Licht ist jeder Fotograf blind. Verlassen Sie sich nur auf Ihr Gespür?
Dean: Ja, ich verlasse mich weitgehend auf meine visuelle Intuition. Ich nutze mein Auge, um die Beleuchtung zu steuern. Dementsprechend verwende ich keinen Handbelichtungsmesser, obwohl ich den Belichtungsmesser der Kamera im Blick behalte.
FOTOHITS: Sie arbeiteten zuvor als Fotojournalistin beim Sydney Morning Herald. Welche Techniken lernten Sie dort?
Dean: Ich musste mir sehr schnell Fähigkeiten aneignen, die mir keineswegs in die Wiege gelegt wurden, und gleichzeitig meine natürlichen Fähigkeiten weiterentwickeln.
Bei einer Zeitung werden täglich zahlreiche Milieu-Porträts benötigt, was zu einem meiner Lieblingsaspekte der Arbeit wurde. Ich konnte die Geschichte von Personen anhand der Elemente in ihrer Umgebung erzählen. Ironischerweise war die Fähigkeit, die mir am schwersten fiel und die mir am meisten half, die, andere anzuleiten.
FOTOHITS: Was erzählten Sie beispielsweise dem Model in „Peony“, wie es sich bewegen solle?
Dean: Ein großer Teil meiner Anleitung konzentriert sich auf die Realitäten der Arbeit unter Wasser und darauf, wie diese physischen Herausforderungen visuell umsetzbar sind. Oft beginne ich damit, den Models die Grundlagen zu erklären, also wenige Luftblasen zu machen, ihre Stirn zu lösen, damit sie nicht angespannt wirken, und sich langsam und sanft zu bewegen, um den Hintergrund nicht durch Wellen zu stören.
Ich ermutige sie, einen ruhigen, meditativen Zustand anzunehmen und sich fließend durchs Gezweig zu bewegen. Da es sich um eine verwirrende oder stressige Umgebung handeln kann, geht es bei meinen ersten Anweisungen vor allem darum, ihnen zu helfen, sich in diesem Raum sicher zu fühlen.
Sobald dieses Gefühl der Leichtigkeit hergestellt ist, gestalte ich die Szenerie genauer und bitte um bestimmte Gesten oder Bewegungen, die zur Stimmung passen. In „Peony“ entstand die emotionale Qualität nicht durch übermäßige Regieanweisungen, sondern dadurch, dass ich dem Model Raum gab, sich intuitiv ins Bild einzufühlen.
FOTOHITS: Ich las, dass Sie heutzutage weniger Zeit mit dem Fotografieren verbringen, sondern mehr mit der Planung – manchmal sogar Monate. Welche Schritte umfasste dies bei der Serie „Flower Duet“?
Dean: Einige Serien erfordern viel Vorbereitung, andere entstehen eher spontan. Das Blumen-Duett etwa gehörte zu den Letzteren, da ich mich beeilen musste, um die letzten Frühlingsblumen zu sammeln, bevor sie verdorrt waren.
Das bedeutete, dass ich ziemlich schnell handeln musste, um die Blumen, Blätter und mein Model zu finden sowie einen Aufnahmetermin zu vereinbaren, bevor die Pflanzen verwelken.
FOTOHITS: Ihre Bilder zeigen eine aufregende Farbpalette. Nach welchen Kriterien wählten Sie die Nuancen etwa in „Jasmin“ aus?
Dean: Farbe und Licht gehören zu den intuitiven Bestandteilen meiner Arbeit, sie geben oft die Richtung vor. Im Fall von „Jasmin“ begann ich mit den Blumen und dem Hintergrund, dann entwickelte ich eine passende Farbpalette. Ich denke zunächst eher in Atmosphären, und Farbe wird dann zu einem Mittel, um sie emotional zu vermitteln.
Manchmal füge ich ein unerwartetes Element in die Komposition ein, nur um zu sehen, wie es die Dynamik verändert. Bei „Jasmin“ war es der Kragen. Wir experimentierten mit verschiedenen Kragen und Outfits. Einer erzeugte die stärkste visuelle Spannung und erweckte das Bild zum Leben. Manchmal funktioniert diese spontane Ergänzung, manchmal nicht. Aber wenn sie funktioniert, fügt sie dem Ergebnis eine unerwartete Magie hinzu.
Die Australierin Tamara Dean gestaltet Fotos, Installationen und Bewegtbilder. Die gefeierte Künstlerin erhielt seit 2011 zahlreiche Preise: 2020 den Goulburn Art Prize, 2019 den Moran Contemporary Photographic Prize und viele mehr. Momentan sind ihre Werke im Fotofestival „La Gacilly – Baden Photo“ zu sehen. In der Freiluftausstellung entfalten ihre üppigen Kreationen ihre volle Wirkung zwischen Wasserfontänen und Rosensträuchern. Deans Werke können über Ihre Vertretung in Berlin Mitte als edle Großformate erworben werden: