Erstellt von FOTO HITS-Redaktion
| Kategorien:  Literatur  

Faces of Talent

Till Brönner sucht den Genius

Der Jazz-Trompeter Till Brönner porträtierte im Bildband „Faces of Talent“ Musikerkollegen und andere Künstler. Damit wagte er es, etwas Unsichtbares wie deren Genius auf ein Bild bannen zu wollen. Auf der Suche nach ihm scheint er mit seiner Mittelformatkamera bis in die Poren vorzudringen. Natürlich weiß jeder Betrachter, dass er dort nichts findet. Doch insgeheim sucht er trotzdem das, was man früher Aura nannte – jenes unsichtbare Fluidum, das manchen Künstler so anbetungswürdig macht. In dieser Hinsicht geben sich selbst nüchterne Menschen dem Mystizismus hin: Wer ihn nicht kennt, dem erscheint der Jazz-Musiker Günter „Baby“ Sommer möglicherweise wie ein unbekannter Arbeiter. Wenn wir im Bildband sein Gesicht nach Spuren seiner Persönlichkeit erforschen, sind wir bereits Gläubige. Brönner wiederum agiert als Spiritist, der eine Geisterbeschwörung inszeniert.

Das Buch enthält 120 Porträts, ein kurzer Text erläutert jeweils, wer der Künstler ist und wie das Foto entstand. Anzumerken ist, dass viele Gesichter auf Doppelseiten von der Mittelfalz durchschnitten werden. Verblüffenderweise entstanden viele gelungene Aufnahmen in kürzester Zeit, dafür aber nach einem intensiven Austausch mit den Künstlern. Brönner lichtete mit seiner Mittelformatkamera Leica S2 die Gesichter meist frontal ab, die Schärfeebene lag auf den Augen, während etwa die Ohren dank eines geringen Blendenwerts unscharf wurden und die Abzüge erhielten oft eine steile Gradation. Die stärksten Bilder entstanden, wenn das Schema durchbrochen wurde: durch Zigarettenrauch, das wie Ektoplasma aus Vinnie Colaiutas Nase strömte oder das madonnenhafte Kopftuch von Peaches. Wer Augen hat zu sehen, der sehe.

Till Brönner: Faces of Talent. teNeues 2014, 208 Seiten, Hardcover, ISBN 978 3 8327 9865 9, Preis: 98 Euro, auch als „Collector’s Edition“ für 1.750 Euro erhältlich

 


Anzeige