Erstellt von FOTO HITS-Redaktion
| Kategorien:  Literatur  

Männliche Körper in feministischer Kunst

Buch "In the cut" dokumentiert einen Befreiungsschlag

Der Slogan "Sex sells" trifft es nicht ganz. Präziser gilt: Weiblicher Sex verkauft sich. Das betrifft auch den Kunstmarkt, den vornehmlich Männer mit weiblichen Akten beherrschen. Das liegt sicher schlicht auch daran, dass die meisten Frauen über Jahrhunderte hinweg systematisch von Akademien und Universitäten ferngehalten wurden. Allenfalls als Hobby durften sie Malerei und Fotografie pflegen. Darüber hinaus birgt die Darstellung männlicher Nacktheit problematische Aspekte.

Aus ästhetischem Blickwinkel darf man den Comiczeichner Walter Moers zitieren, der scherzhaft das männliche Geschlechtsteil mit verstrahltem Weltraumgemüse verglich. Das macht es schwierig für die ästhetische Darstellung. Allenfalls Fotografen wie Robert Mapplethorpe schafften es, dieses so konsequent wie eine Blüte durchzukomponieren. Allerdings sind Mapplethorpes Inszenierungen so grenzüberschreitend, dass seine Ausstellungen noch immer skandalträchtig sind.

Feministische Künstlerinnen wiederum konzentrierten sich zunächst auf den eigenen Körper, während der (hetero-)erotische Blick auf den Mann bis heute eine Ausnahme darstellt. Künstlerinnen, die ihren begehrlichen Blick auf den männlichen Körper werfen, brechen Tabus und kehren traditionelle Machtverhältnisse um. Mit ihren Darstellungen erheben sie Anspruch auf sexuelle Selbstbestimmung, was wiederum neue Möglichkeiten sexueller Selbstbestimmung für jeden ermöglicht.

Dass Künstlerinnen nun auch den Mann erotisch ins Bild setzen, gleicht also einem Befreiungsschlag für beide Seiten: eine neue ästhetische Darstellung ebenso wie die Entdeckung neuer Lüste. Die Publikation "IN THE CUT – Der männliche Körper in der feministischen Kunst" will die Tragweite und Brisanz dieses Fortschritts beleuchten.

Der Katalog, der anlässlich der gleichnamigen Ausstellung der Stadtgalerie Saarbrücken erscheint, zeigt erstmals gesammelte Werke feministischer Künstlerinnen. Allen voran sieht man die erste Generation mit Louise Bourgeois, Eunice Golden, Carolee Schneemann, Joan Semmel und Betty Tompkins, für die sich die Ende der 1960er-Jahre neue Möglichkeiten eröffneten, eine eigene künstlerische Sprache zu entwickeln. Die zweite Generation ist vertreten mit Sophie Calle, Anke Doberauer, Kathleen Gilje, Herlinde Knoebel, ORLAN, Susan Silas und Jana Sterbak, die sich in den 1980er- und 90er-Jahren neben Malerei und Fotografie weitere Medien und Darstellungsformen erschlossen. Das umfangreiche Künstlerbuch mit mehr als 300 Seiten enthält zahlreiche Essays, Künstlerporträts und eine Vielzahl farbiger Abbildungen.


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