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Schönheit und Tod

Madame D'Ora

Modeatelier und Schlachthaus: Diese beiden Extreme bestimmen Dora Kallmus’ Biografie. Entsprechend ist die Ausstellung ihrer Werke in Hamburg auf zwei Räume aufgeteilt. Wer von einem zum anderen wechselt, durchquert zugleich die Abgründe des 20. Jahrhunderts. Die Ausstellung "Madame D'Ora - Machen Sie mich schön!" versammelt rund 170 fotografische Arbeiten und dazu einige Modeobjekte. Die Exponate sind bis 18. März 2018 im MKG in Hamburg zu sehen.

Dora Philippine Kallmus – oder Madame d’Ora, wie sie sich ab 1907 nannte – wurde 1881 in Wien geboren. Dass sie das „falsche“ Geschlecht aufwies, hinderte sie nicht, als erste Frau die Wiener Graphische Lehr- und Versuchsanstalt zu besuchen, um dort das theoretische Fotohandwerk zu lernen. Die Anwendung vermittelte ihr die Königlich Kaiserlich Photographische Gesellschaft, die Kallmus als erstes weibliches Mitglied aufnahm. 

Zusammen mit Arthur Benda eröffnete sie das „Atelier d’Ora“ im ersten Wiener Bezirk. Das Fotostudio florierte zunehmend: Künstler, Modeschöpfer und Adlige bis hin zur kaiserlichen Familie besuchten es. Neben einem Sommerstudio im tschechischen Karlsbad von 1921 bis 1926 eröffnete die umtriebige Künstlerin 1925 ein Fotoatelier in Paris.

Der Einmarsch deutscher Truppen 1940 brachte die Zäsur. Madame D’Ora musste ihr Pariser Atelier überstürzt aufgeben. Die Tatsache, dass sie seit 1919 keine Jüdin mehr war, sondern zum Katholizismus konvertiert war, spielte im Rassenwahn der Nazis keine Rolle. Dora Kallmus versteckte sich 1942 zuerst in einem Kloster und dann in einem Bauernhof in der französischen Ardèche. Nach Kriegsende nahm sie zuerst in Paris und dann in Wien die Porträtfotografie wieder auf. 

Eindringliche Bilder für die irdische Hölle fand sie zwischen 1956 und 1957 in den Schlachthöfen von Paris. Mit ihrer kleinen Rolleiflex verließ sie die abgesicherte Umgebung ihres Studios und sah hin, wo die Mehrheit lieber wegschaut: auf gehäutete Lämmer, Pferde-Embryonen in einer Mülltonne und nicht mehr identifizierbare Kadaver. Die Fotografin selbst verweigerte jede Deutung dieser Werke. Doch musste ein Betrachter nur an die zurückliegenden Jahre denken, um zu verstehen: Antisemiten hatten Juden ausgeplündert und ermordet, was sie sogar akribisch dokumentierten. Nach dem Krieg verdrängten viele dieses Grauen. Auch der nie dagewesene Kulturbruch, Mitbürger fabrikmäßig umzubringen, dürfte manchem angesichts der Schlachtindustrie in den Sinn gekommen sein. 

Nach einem Autounfall im Jahr 1959 verlor Dora Kallmus weitgehend ihr Gedächtnis. Vier Jahre später starb sie in der Obhut einer Freundin. Ein Teil von ihr lebt in ihren Bildern weiter.