Interview

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Das wahre Leben findet außerhalb eines Fotostudios statt. Wer es festhalten will, muss sich als Persönlichkeit beweisen. Denn bei einer Bildreportage zählt nicht die tollste Kamera, sondern die beste Menschenkenntnis. Der international ausgezeichnete Reportagefotograf Herbert Piel erzählt, wie man auf andere zugeht, um bewegende Aufnahmen zu schießen.

Wer somalische Soldaten ablichten will, sollte besser wissen, wie man sich richtig verhält. Weniger dramatisch, aber ebenso elementar, steht bei allen Aufnahmen jenseits der gesicherten Studioatmosphäre die eigene Persönlichkeit auf dem Prüfstand. Herbert Piel meisterte Reportagen aus Kriegsgebieten und weitere Herausforderungen, ob er nun die Königin von England oder Dieter Bohlen vor der Kamera hatte.

Seine Reportagen brachten ihm viel Anerkennung ein, etwa beim renommierten World Press Photo Contest. Außerdem machten ihn Lehrgänge (unter anderem in Leicas „Masterclass Akademie“) bekannt. Damit ist er wie geschaffen, FOTO HITS-Lesern bei ihren Ideen unter die Arme zu greifen. Er gibt ihnen Ratschläge, die auch für Fotoprojekte vor der eigenen Haustür gewinnbringend sind. 

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Herbert Piel dokumentierte im Auftrag der Entwicklungsagentur Rheinland-Pfalz e.V. die Ankunft von Geflüchteten. An eine solche Dokumentation sollte man nicht unbedarft herangehen.
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Piel wurde ausgewählt, da er bereits Krisengebiete besucht hatte, aus denen die Menschen kamen. Daher konnte er auf eigene Erfahrung und Hintergrundwissen bauen.

FOTO HITS: Einsteiger in die Fotografie halten sich gerne an technische Tipps und setzen beispielsweise alle Motive eisern in den „Goldenen Schnitt“. Dagegen haben Sie als Kursleiter völlig andere Erfahrungen gemacht. Sie erhielten die Rückmeldung, dass für Teilnehmer soziale Fertigkeiten wie eine fallende Hemmschwelle wichtig war. 

Herbert Piel: Ich war selbst überrascht. In meinen Workshops lege ich eigentlich den Schwerpunkt auf die Frage „Wie baue ich eine klassische Reportage auf“. Hierzu gehört etwa die Bildauswahl, also gewissermaßen als Außenstehender eigene Aufnahmen zu betrachten. Allerdings bekam ich immer häufiger das Feedback, dass ich die Angst vor dem Fotografieren, genauer: auf Leute zuzugehen, genommen habe. Ich hatte wohl einen Nerv getroffen. 

Das zeigte sich auch beim Sichten der Aufnahmen. Bereits nach zwei Tagen kehrten manche, die zuvor vorrangig Blumen ablichteten, mit eindringlichen Reportagen etwa vom „Bahnhof Zoo“ zurück.

FOTO HITS: Andere Sichtweisen kann man allerdings nur schwerlich lehren, da es kein Rezept dafür gibt.

Herbert Piel: Das ist wahr. Ich vermittle ohnehin weniger die Technik. In analogen Zeiten sagte ich immer, dass ich nicht wissen muss, aus welchen Bestandteilen ein Entwickler besteht, sondern nur, wie ich ein Negativ vernünftig vergrößere. 

Bezogen auf die Praxis gilt: Gerade Leute, die sich mit der „Street Photography“ beschäftigen möchten, trauen sich zu wenig, auf andere Menschen zuzugehen. Stattdessen bauen sie etwa auf ein 200-Millimeter-Objektiv, doch „lebt“ das Bild dann nicht. Sie müssten sich räumlich und gedanklich in eine Situation begeben. Genau das vermittle ich.

FOTO HITS: Nähe kann aber nicht bedeuten, anderen die Kamera vor die Nase zu halten …

Herbert Piel: Heute spielt der rechtliche Aspekt eine große Rolle. Vielen Fotografen gehen, noch bevor sie den Auslöser drücken, tausend Paragrafen durch den Kopf, nach denen sie belangt werden könnten. 

Ich habe das mit einem Kollegen in Berlin einmal versucht. Wir gingen dort in wirklich derbe Ecken zu Leuten, denen ich nicht unbedingt im Dunkeln begegnen möchte. Wir haben sie trotzdem fotografiert. Zwar hielten wir den Intimabstand von etwas mehr als einem Meter, waren aber recht nah. Ansonsten bin ich wie gewohnt auf die Menschen zugegangen: mit einem freundlichen Lächeln und Augenkontakt. 

Ich erinnere mich nur an die Reaktion: „Hassu jetzt ein Foto gemacht, Alder? Machst Du das für ’ne Zeitung? Will ich nicht!“ Als ich antwortete, dass es für einen Workshop sei, kam die Frage: „Stellste das in Facebook? Ja, dann is‘ in Ordnung.“ Zeitung ist also böse, Facebook ist gut. Wie auch immer: Es geht, ohne blutig und vernarbt zurückzukommen.

Natürlich gibt es Gesetze zum Schutz der Persönlichkeit. Aber mit der ganzen Paragrafenreiterei macht man sich verrückt. Ich versuche in Workshops beizubringen, alles zu fotografieren, alles mitzunehmen, sich nicht zurückzunehmen, beim Auslösen nicht zu überlegen. Danach im stillen Kämmerchen kann man sich Gedanken machen, ob ein Bild verwendbar ist, ob es rechtlich und – ein ganz wichtiger Punkt – ethisch tragbar ist. Das schlägt bei Kursteilnehmern mehr ein als klassische Regeln für Reportagen. 

FOTO HITS:  Letztlich liegt es also am Fotografen selbst, ob er einen hilflosen Betrunkenen fotografiert oder nicht?

Herbert Piel: Die Hemmschwelle setzt man selbst. Das ist zu vergleichen mit einem Porsche-Fahrer. Viele fahren auf der Autobahn brav 120, andere 320 Kilometer pro Stunde. Natürlich hat das auch etwas mit Erziehung zu tun. 

FOTO HITS:  Wie handhaben Sie das konkret mit Ihren Kursteilnehmern?

Herbert Piel:  Zuerst halte ich einen eher theoretischen Vortrag, in dem ich erkläre, was man tut und was nicht. Dann gehen wir raus und ich stelle jedem frei, mit mir oder alleine unterwegs zu sein. Ich hatte oft vorher überlegt, wie ich als Begleiter jedem gerecht werden kann. Interessanterweise wollten bislang fast alle alleine los und sich selbst ausprobieren.

FOTO HITS:  Wer kommt zu Ihren Workshops?

Herbert Piel:  Anfänger und Profis sowie 17- bis 80-Jährige. Daneben gibt es das Klientel der Besserverdienenden, die sich nach Foto-Safaris auch der „Street Photography“ widmen wollen. Denen stehen vermehrt 20- bis 30-Jährige entgegen, die ihr Hobby auf eine höhere Stufe stellen wollen. Sie sparen sich die Gebühren vom Mund ab und ziehen es einfach durch. 

FOTO HITS:  Generell hat die Dokumentarfotografie in den letzten Jahren – trotz oder wegen der Kritik an digitalen Verfälschungen – einen neuen Stellenwert bekommen. Sind künstlerisch ambitionierte Reportagen eine Gegenbewegung?

Herbert Piel: Zuerst einmal muss man sicher die Grundlagen lernen, das fängt wie beim Fahrradfahren mit Stützrädern an. Die künstlerische Herangehensweise erreicht mein Klientel mit etwas Unterstützung von mir dann alleine. 

Für mich selbst ist eher das Schmunzeln typisch, das auch ernste Themen durchzieht. Paolo Pellegrin, mit dem ich befreundet bin, arbeitet zwar auch in der Dokumentarfotografie, doch fängt er pure Emotion ein, er schafft Kunst. Obwohl viele Bilder nicht einmal scharf sind, bekommt man beim Anblick eine Gänsehaut.

FOTO HITS:  Wie stehen Sie zu Kategorien wie „Farbe versus Schwarzweiß“? Das eine verbinden manche noch immer mit Boulevard-Zeitungen, das andere mit ernsthafter Fotokunst.

Herbert Piel: Ich machte damals bei einer großen Zeitung die Umstellung von Graustufen zu Farbe mit. Hier schlugen zwei Herzen in meiner Brust. Ich verstand, dass sich etwa die „FAZ“ und die „Süddeutsche Zeitung“ dagegen sträubten. Allerdings stellte sich heraus, dass nicht jeder Kollege, der Schwarzweiß fotografierte, dies auch in bunt konnte. 

Ein Beispiel dafür, dass auch Farbfotos funktionieren, ist der Amerikaner Bruce Gilden. Ich schätze ihn als „Street Photographer“ wegen seiner aufdringlichen Art nicht sonderlich. Aber seine Porträtserie „American made“ könnte in Schwarzweiß nicht bestehen, sie besticht nur in Farbe. Dagegen wählte ich für meine Strecke über Asylsuchende in Rheinland-Pfalz bewusst Schwarzweiß, da sie ansonsten zu weich, zu beschönigt erscheint.

Nebenbei bin ich Leica dankbar dafür, dass sie mir hierfür die „Leica Monochrom II“ in die Hand gaben. Es war wirklich eine Freude, damit zu arbeiten. Daneben überraschte mich die aktuelle Bildschirmtechnik. Wenn ich ehrlich bin, habe ich bis vor einem halben Jahr keinen Monitor kalibriert. Seit einiger Zeit arbeite ich mit einem Eizo ColorEdge CS270 und bin überrascht, wie geschönt etwa normale Mac-Monitore Bilder wiedergeben. Der Eizo zeigt sie so, wie sie sind – und das ist auch gut so.

FOTO HITS: Sie sprachen zuvor von Stützrädern. Wie sehen diese in der Reportagefotografie aus?

Herbert Piel: Hilfreich ist, Fotos durchzusprechen. Ich sagte etwa einem Workshop-Teilnehmer, der nervös nachfragte, was er alles leisten müsse, er solle zuerst einmal bisherige Werke mitbringen. Mit den Kommentaren bin ich dann direkt und ehrlich. Machen wir uns nichts vor: Manche Fotografen sind schnell von sich selbst überzeugt. Das macht es – ähnlich wie bei Pädagogen – sehr schwer, ihnen etwas beizubringen. Bei mir funktioniert dies oft über Emotionen, also nichts, was man „anfassen“ könnte.

Beispielsweise ließ ich einen Kursteilnehmer 20 bis 30 Bilder schießen und er sollte acht auswählen. Beim Sichten stellte ich fest, dass einige Juwelen darunter waren. Zielsicher pickte er aber – als hätte ihm der Teufel die Hand geführt – die Schlechtesten heraus. Ich erklärte ihm dann genau, warum ich es anders sehe.

Urheber: Herbert Piel
Piel hatte bei seinem Aufenthalt im westafrikanischen Togo nur anderthalb Tage Zeit. Immerhin kam er nach Kplaba Mayikou, Togoville und in andere Städte. Ein Lächeln reichte ihm als Erlaubnis, die Menschen zu fotografieren. Bezahlt habe er nie für ein Bild.

FOTO HITS: Erstaunlich oft erinnern die eindrücklichsten Bilder an religiöse Posen. Trauernde Mütter werden oft wie eine christliche Pietà abgelichtet. Sind das Erfolgsrezepte, um eindrückliche Aufnahmen zu gestalten?

Herbert Piel: Mit einer solchen Symbolik arbeite ich nicht. Dafür sind die Themen zu unterschiedlich, die etwa meine Workshop-Teilnehmer aufgreifen. 

FOTO HITS: Benötigen sie hierfür erzählerisches Talent.

Herbert Piel: Reportagefotografen sind Geschichtenerzähler. Zusätzlich kommt es darauf an, gutes Bildmaterial zu erkennen und dann, es zu arrangieren. Beispielsweise sollte eine Bilderserie einen guten Anfang und eine Schlusspointe besitzen. 

FOTO HITS: Kommen dabei Stereotypen heraus wie etwa Obdachlose, die die Konsumgesellschaft anprangern?

Herbert Piel:  Sie werden sich wundern – so offensichtlich oder gar verletzend hat das noch kein Teilnehmer angebracht. Ich habe sie als vielseitiger kennengelernt.

Als ich etwa die Dokumentation eines Weinfests vorschlug, war dies jemandem, der aus einer Weingegend kam, zu langweilig. Er entdeckte stattdessen eine Gruppe von Tango-Tänzern. Obwohl er bislang eher seine Familie fotografiert hatte, kam er mit emotional berührenden Bildern zurück, die viele Details einfingen. Wenn man hinschaut, ist überall etwas zu finden.

Herbert Piel

Herbert Piel (geboren 1957) veröffentlichte 1975 sein erstes Pressefoto. Später berichtete er aus Krisengebieten und vom politischen Parkett. Er arbeitet für Bildagenturen wie Reuters, Associated Press und die Deutsche Presse-Agentur sowie Magazine wie Stern, Bunte und Spiegel. Piel ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Photographie, und lehrt in Leicas „Masterclass Akademie“.

Im Jahr 2002 gründete Piel die Fotoagentur „Piel Media“. In Workshops und Einzel-Coachings teilt er seine Erfahrungen. Eine Teilnahme und hochwertige Druckwerke kann man auf www.pielmedia.jimdo.com ordern.

www.pielmedia.blogspot.de