Interview

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Olaf Heine - Schlüssel zur Welt

Eine Kamera erweitert den Horizont, der im Fall von Olaf Heine weit gespannt ist. Ausschnitte aus seinem vielseitigen Werk kann man jetzt in der Münchner Galerie „Immagis“ betrachten. Heine sprach mit FOTO HITS darüber, wie man vollendete Werke schafft, aber trotzdem als Künstler niemals stehenbleibt.

FOTO HITS: Druckmedien, was Magazine ebenso wie Platten-Cover beinhaltet, haben im Vergleich zu Online-Medien an Reichweite verloren. Das wirkt sich auf Ihre Arbeit aus. Werden wir Ihre Werke nur noch in edlen Coffee-Table-Books oder auf Werbetafeln wiederfinden?

Olaf Heine: Ich habe die Fotografie entdeckt, um mich auszudrücken, ohne auf einen Markt zu schielen. Andere Menschen schreiben, malen oder komponieren Musik. Ich stelle mit Fotos dar, was ich sehe und erlebe. Auf welche Weise dies rezipiert wird, ist für mich zweitrangig.

FOTO HITS: … bis auf die Tatsache, dass es die Butter aufs Brot bringen sollte.

Olaf Heine: „Sollte“. Aber das ist nicht der Grund, weshalb ich mit der Fotografie angefangen habe.
 Anfangs wollte festhalten, was ich als jugendlicher Musikliebhaber erlebte, der mehrmals pro Woche auf Konzerte ging. Ich wollte der Jugendkultur, die erlebte, Ausdruck verleihen. Es ist natürlich wunderbar, wenn man dadurch auch in der Lage ist, die Miete zu zahlen.

FOTO HITS: Sie interessieren sich auch wenig für Fragen der Aufnahmetechnik. Warum?

Olaf Heine: Ohne mich mit ihnen vergleichen zu wollen – aber bekannte Maler oder Musiker fragt man ja auch nicht nach deren Techniken, Pinseln oder Gitarren. An einer solchen Fachsimpelei möchte ich nicht teilhaben.

Ich bin auch deswegen zurückhaltend, da oft analoge und digitale Fotografie verglichen werden. Da will ich nicht mitmachen. Früher gehörte die handwerkliche Ausbildung und der technische Prozess zur Fotografie, und sorgte dafür, dass man sich inhaltlich anders mit ihr auseinandersetzte. Den gibt es so nicht mehr.

FOTO HITS: Es steigerte sich allerdings in den letzten Jahren geradezu zum Glaubensbekenntnis, ob man etwa Polaroids und damit Unikate herstellt. Spielt das für Sie ein Rolle?

Olaf Heine: Die Frage zielt letztlich darauf ab, ob man eine Edition oder ein Unikat herausgeben möchte. Auch das ist mir weniger wichtig.

Für mich spielt eher der Prozess des Fotografierens selbst eine Rolle. Hierbei gibt der Inhalt das Medium vor. Entsprechend dazu wähle ich aus, ob ich eine analoge Kamera benutze oder nicht. Beispielsweise ist in allen drei Büchern, die ich veröffentlicht habe, auch analoges Polaroid-Material dabei.

FOTO HITS: Sie lassen eigene Projekte wie zuletzt „Brazil“ sehr überlegt reifen. Haben Sie ein zögerliches Naturell oder ist es schlicht eine Zeitfrage?

Olaf Heine: Ich möchte nicht allzu schnell in solche Projekte eintauchen. Ich habe eine Familie, es geht also nicht, sich mal eben kurz und intensiv in Brasilien herumzutreiben. Zudem ist es die Art, wie ich an Aufnahmen herangehe: Ich recherchiere, arbeite mich in die Materie ein – das ist ein langer Prozess. 

Mein Brasilien-Buch etwa knüpft zwar an meine Leidenschaft für Architektur an. Aber von Haus aus bin ich kein Architekturfotograf. Daher dauerte es eineinhalb Jahre, bis ich meinen individuellen, fotografischen Zugang zu dem Thema „Oscar Niemeyer“ fand. Zunächst reiste ich los, um mir die Bauten von ihm anzuschauen, ohne dass dahinter gleich die Idee stand, ein Buch zu gestalten.

FOTO HITS: Nach dem Erstling „Leaving the Comfort Zone“ erweckte der Nachfolger in mir den Eindruck, dass der Künstler sich hier selbst erkundet. Liege ich da richtig?

Olaf Heine: Ich habe ja eingangs gesagt, dass meine Fotografie stets etwas mit mir als Individuum zu tun hat. Ich will immer dazulernen, und dabei ist die Fotografie der Schlüssel zu einer anderen Welt. Den möchte ich auch nutzen.

Ich habe so viele Interessen, die ich mithilfe der Fotografie erforschen kann. Warum also sollte ich immer das gleiche tun? Die Welt ist zu vielschichtig, um sie immer aus dem gleichen Blickwinkel zu betrachten.

FOTO HITS: Hierzu fällt mir das Projekt „Recht auf Menschenrecht“ aus dem Jahr 2015 ein, in dem Prominente einen Artikel der UN-Charta gewissermaßen „adoptierten“.

Olaf Heine: Ich bin kein politischer Fotograf. Aber natürlich möchte ich helfen und eigene Fähigkeiten in den Dienst der Sache stellen. Als die Flüchtlingswelle hier eintraf, erinnerte mich das an die frühen 1990er Jahre, in denen Asylantenheime brannten. Dem wollte ich etwas entgegensetzen. Ich reiste in Deutschland herum und suchte prominente Fürsprecher, um für mehr Toleranz zu werben.

FOTO HITS: Betrachtet man Ihr bisheriges Werk, erscheint es sehr vielseitig: Porträts, Musikvideos, Architekturaufnahmen oder Aktionen „Recht auf Menschenrecht“ aus dem Jahr 2015. Ergibt das für Sie bereits ein Gesamtbild oder eher Facetten, deren Lücken noch auszufüllen sind?

Olaf Heine: „Gesamtbild“ ist ein schwieriges Wort. In erster Linie bezeichne ich mich als Porträtfotograf. Welchen Stellenwert dieses eine Genre aber letztlich einnimmt, müssen andere beurteilen.

Das Thema „Architekturaufnahmen“ ruht jetzt etwas, obwohl ich im letzten Herbst nochmals in Brasilien war, um dort mit einer Band zusammenzuarbeiten. Die aktuelle Ausstellung „Hush Hush“ ist für mich ein schöner Anlass, die Aufnahmen aus Brasilien mit meinen künstlerischen Porträts zu verbinden und zu schauen, wie ein Dialog entsteht.

FOTO HITS: Wie kam es überhaupt zu dem Titel?

Olaf Heine: „Hush Hush“ sagt man etwa zu kleinen Kindern, es steht hier für „Ruhe“. Tatsächlich sehe ich meine Fotografie eher auf der stillen Seite. Außerdem bin ich es selbst als Typ. Ich zeige dementsprechend Brasilien nicht laut, bunt und provokant, sondern in meiner Bildsprache, die eher ruhig ist. Daher passt der Titel gut.

FOTO HITS: Ich stelle Sie mir auch am Set als ruhigen und konzentrierten Handwerker vor. Wie kommt man dabei mit so extrovertierten Künstlern wie Iggy Pop oder den „Ärzten“ ins Gespräch?

Olaf Heine: Dazu müssten Sie die Künstler befragen. Aber vielleicht ist es so: Wenn Menschen expressiv sind, braucht es eher einen Fotografen, der sich zurücknimmt, die Persönlichkeit vor der Kamera nur etwas lenkt und ihr ansonsten genug Raum lässt, um sich zu entfalten.

Ich beobachte viel und werfe nur gelegentlich etwas in die Runde. Ich finde es einen der spannendsten Momente in der Fotografie, wenn sich das Gegenüber mit meinen Ideen auseinandersetzt und darauf einlässt.

FOTO HITS: Das scheint auf den ersten Blick mit Ihrem Buchtitel „Leaving the Comfort Zone“ zu kollidieren, der das eigene Scheitern als Möglichkeit beinhaltet. Doch am Set müssen Sie klare Anweisungen geben. Wie passt das zusammen?

Olaf Heine: Der Buchtitel bezieht sich auf meine Jugend. Es war die Zeit, in der ich die Fotografie entdeckte. Sie begann mit 14 oder 15, dann stellte ich fest, dass ich Musik fotografieren kann, was eine Tür aufstieß. Es gibt dieses tolle Zitat der Band „Tocotronic“: „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“. So ist es tatsächlich, wenn man um die 20 Jahre alt ist und den eigenen Platz im Leben finden will. Für mich war das die Fotografie. Ich merkte, dass ich damit weiterkomme, eine Resonanz erhalte.

Ich kam ja aus einem kleinen Ort bei Hannover und auf einmal war ich in Berlin, studierte dort, kam mit Bands wie den „Ärzten“ oder „Rammstein“ zusammen, die mich nach Amerika mitnahmen. Eh ich mich versah, lebte ich in den USA und arbeitete mit etablierten Künstlern. Mir genügte es nicht, in Deutschland den einen oder anderen abzulichten – ich wollte in der Champions League spielen. Das hieß, in ein Haifischbecken zu springen, sich mit den Größten seiner Zunft zu messen, und zu schauen, ob man hierbei bestehen kann.

Nach Amerika ging ich 1998, zehn Jahre später kam das erste Buch heraus. „Leaving the Comfort Zone“ hieß für mich, weiterzugehen, den Stillstand vermeiden. Ich versuche auf meinem fotografischen Weg immer wieder, das zu verlassen, was ich zur Genüge kennen. Das bedeutete auch, weitere sechs Jahre später nicht noch ein Buch mit Künstlerporträts zu machen, sondern ein Thema wie „Brasilien“ zu entdecken.

FOTO HITS: In einer ganz anderen Sparte gestalteten Sie die Bilder für den FDP-Politiker Christian Lindner. Die Zeitung TAZ berichtete mit süffisantem Unterton darüber – ärgert Sie so etwas?

Olaf Heine: Das habe ich nicht mitbekommen und es interessiert mich auch nicht. Hierzu möchte ich auch nur so viel sagen: Wir sind gesellschaftlich und politisch an einem Punkt angelangt, an dem die arrivierten Politiker und Parteien einen Großteil der Wähler – insbesondere die Jugend - nur noch zu einem gewissen Grad erreichen. Das reicht von abgedroschenen Phrasen, über stereotype Wahlwerbung bis zur langwierigen Regierungsbildung. Mir ging es in meiner Fotografie wie gesagt nicht so sehr um ein Parteiprogramm - Mein gesellschaftliches Engagement sieht anders aus und geht beispielsweise eher in Richtung der erwähnten Menschenrechtskampagne.

Ich hatte aber die Möglichkeit, Wahlwerbung mal anders aussehen zu lassen und das hat mich gereizt. Die Tatsache, dass in Deutschland flächendeckend darüber gesprochen wurde, zeigt zumindest, dass wir etwas angestoßen haben. Ich fand die anschließende Diskussion unglaublich spannend, weil sie die Relevanz von Fotografie und die Kraft von Bildern zeigt.

FOTO HITS: Heutzutage ist die Image-Pflege extrem, PR-Agenturen und Art-Direktoren machen genaue Vorgaben. Konnten Sie sich eine Position erarbeiten, in der Sie noch künstlerische Freiheit besitzen?

Olaf Heine: Es gab auch schon vor zehn oder 20 Jahren Projekte, bei denen ich mich mit anderen Kreativen auseinandergesetzt habe, bei anderen musste ich mich Vorgaben beschäftigen, bei manchen genoss ich absolute Freiheit. Aber natürlich stimmt es: Wenn man bereits bekannter ist und schon einige Bücher veröffentlicht hat, dann hat man selbst auch mehr künstlerische Freiheit. 

Den eingeschränkten Freiraum heute sehe ich eher anderswo: Im digitalen Zeitalter muss alles schneller werden. Große Nachrichtenportale etwa kämpfen um die Schlagzeilen und müssen innerhalb weniger Minuten Meldungen online stellen, die thematisch mal in die eine oder andere Richtung gehen. Manche sind noch nicht einmal besonders gut recherchiert oder überprüft. Dazu kommt, dass sich heute jeder auf jegliche Art und Weise in den Sozialen Netzwerken äußern kann. Die Algorithmen würfeln anschließend alles durcheinander. So verwundert die große Verunsicherung, die es in der Gesellschaft gibt und die sind in den Wahlen widerspiegelt, auch nicht mehr.

FOTO HITS: Hier ist ja Ihre Ausstellung bestens geeignet, um zu entschleunigen.

Olaf Heine: Ja, ich möchte, dass sich ein Betrachter fallen lassen kann. Statt im Internet von einer briefmarkengroßen Abbildung zur nächsten zu scrollen, kann er sich in der Galerie vor einen lebensgroßen Print stellen, um Details zu entdecken, sie zu analysieren und zu verstehen.

Hush Hush

Olaf Heine präsentiert in der Münchner Galerie „Immagis“ eine Auswahl seiner Musiker- und Prominentenporträts sowie Auszüge aus dem Zyklus „Brazil“, der 2014 als Buch im Verlag teNeues erschien. Unter dem Titel „Hush Hush“ sind die ruhigen und zugleich ausdrucksstarken Bilder vom 20. April bis 31. Mai 2018 zu sehen.

www.immagis.de