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Gudrun-Holde Ortner: Freiraum

Eine Fotografin lässt Menschen zu sich kommen

Gudrun-Holde Ortner lichtet Menschen nicht einfach ab, sie lässt sie neue Facetten entdecken. Dabei fühlen sich manche so wohl, dass sie nach der Aufnahme noch musizieren oder dösen. Die Porträtfotografin lüftet für FOTO HITS ihre Geheimnisse.

FOTOHITS: Als ich scherzte, nicht fotogen zu sein, widersprachen Sie: Jeder Mensch sei schön. Was meinten Sie damit?

Gudrun-Holde Ortner: Nein, ich sagte sicherlich nicht, dass alle schön seien, sondern dass jeder Mensch etwas Besonderes hat. Gelegentlich kommt jemand mit scheinbar wenig Ausstrahlung ins Atelier. Und nach einiger Zeit ist es, als würde ein Fenster aufgehen. Dann erkenne ich wortwörtlich diesen Menschen.

FOTOHITS: Wissen diejenigen vor der Kamera, dass sie etwas Spezielles haben?

Gudrun-Holde Ortner: Heute ist es schwieriger mit Menschen umzugehen, weil sie ihre äußeren Defizite zu gut kennen. Vor kurzem fotografierte ich ein wunderschönes Mädchen, tolle Augen, herrliche Haare – und sie selbst fand sich schrecklich. 

Zuerst einmal sorge ich dafür, dass jemand sich wohl fühlt und sich quasi selbst vergisst, manche wollen im übertragenen und im Wortsinn  gestreichelt werden. Wieder andere muss man zermürben, wie es die Fotografin Diane Arbus – die ich sehr bewundere – formuliert hat. Nach einer Sitzung von etwa acht Stunden schafft es niemand mehr, ein Gesicht zu drehen.

FOTOHITS: Funktioniert es immer, dass sich die Menschen öffnen?

Gudrun-Holde Ortner: Manchmal habe ich sogar den Eindruck, dass ein kollektiver Exhibitionismus ausgebrochen zu sein scheint. Beispielsweise verlangen manche Frauen nach erotischen Aufnahmen. Doch es ist ihnen nach wenigen Minuten anzumerken, dass sie es nicht wirklich wollen, sondern sich eher durch den Zeitgeist oder die Medien dazu verleiten lassen. Ich versuche dagegen ihnen ein Forum zu bieten, in dem sie sich wohlfühlen.

Ein Musiker war bei der Sitzung so entspannt, dass er gerne noch zwei Stunden im Atelier herumliegen wollte. Ich antwortete, warum nicht? Einem anderen gefiel der schöne Raum und er spielte noch einige Zeit auf seinem Instrument.

FOTOHITS: Aber irgendwann müssen Sie doch bei der Aufnahme auf den Punkt kommen?

Gudrun-Holde Ortner: Das mache ich doch von Anfang an. Das Sichwohlfühlen ist das ganze Geheimnis. Das Licht können viele Fotografen gut setzen, damit kommen sie aber nicht übers Mittelmaß heraus. Ich glaube von allen guten Menschenfotografen, dass sie mehr Psychologen als Fotografen sind. 

Ein Beispiel: Beliebt ist etwa einem Hochzeitspaar zu sagen: Und jetzt springt in die Höhe, was wohl Lebenslust ausdrücken soll. Na und? Dann hat man ein Paar, das verkrampft hüpft. Ebenso weiß ich, dass manche Person etwa am besten von links aussieht. Aber die eigentliche Aufnahmesitzung kann ich erst durchführen, wenn sie sie als angenehm empfindet. 

Das technische Können ist natürlich die Voraussetzung, ebenso muss man den Bildaufbau beherrschen.

Der Bildhauer Alfred Hrdlicka sagte einmal: So lieb ist der liebe Gott nun auch wieder nicht, dass er dem, der keinen Inhalt hat, die Form schenkt. Darüber hinaus muss ein Fotograf auf das Ziel fokussieren. Wenn einer Ihrer Leser etwa seine Freundin fotografieren will, sollte ihm schon von Anfang an klar sein: Wie ist sie, wie ist ihre Art, damit es ein unverwechselbares Bild gibt. Denn für jeden Menschen gibt es eine richtige, echte Pose.

FOTOHITS: Was machen Sie mit Kunden, die nicht unverstellt, sondern doch nur irgendwie attraktiv aussehen wollen

Gudrun-Holde Ortner: Ich verstehe das durchaus: Ein Mensch sieht sich manchmal nicht gerne selbst, und er sieht sich noch weniger gern altern. Doch neben den Fältchen bildet sich eine Persönlichkeit, und die ist etwas Tolles. Genau das interessiert mich als Fotografin.

Auf die digitale Nachbearbeitung sollte man sich dabei nicht verlassen. Diese tilgt ja selbst bei 20jährigen schon jede Spur von Leben aus dem Gesicht.

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Der Theaterregisseur und -schauspieler Dirk Diekmann, fotografiert von Gudrun-Holde Ortner
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Die Fotografin lernte Hannelore Elsner bei Dreharbeiten für die Serie „Die Kommissarin“ kennen.

FOTOHITS: Sind Sie denn grundsätzlich gegen digitale Bilder?

Gudrun-Holde Ortner: Nein, das darf man nicht missverstehen. Letztlich hat sich nur die Technik geändert, ich bin und bleibe aber Menschenfotografin, egal mit welchem Handwerkszeug. Doch muss bei aller digitalen Retusche der Mensch in seiner Persönlichkeit erhalten bleiben. 

Um es überspitzt zu formulieren: Komplett computergenerierte Bilder könnten die Fotografie sogar entlasten und die Grenzen neu festlegen. Ähnlich ist es der Malerei nach dem Aufkommen des Lichtbilds gelungen. Zuerst hieß es „Die Malerei ist tot“, da ein Foto viel schneller und realitätsgetreuer sei. Dann begann sie sich zu emanzipieren, weg vom Realismus und hin zu Kunstformen wie etwa dem Impressionismus.

FOTOHITS: Welche Rolle spielt dann die Technik überhaupt für Sie?

Gudrun-Holde Ortner: Ich ringe immer mit ihr. Aber für mich bedeutet sie nicht das Wesentliche. Der Fotograf Henri Cartier-Bresson hat einmal sehr schön gesagt, dass Fotografieren bedeute, den Kopf, das Auge und das Herz auf dieselbe Visierlinie zu bringen. Man sollte also wahrhaft erkennen, was man sieht. Stattdessen einfach draufzuhalten und zu hoffen, dass unter tausend Fotos eines etwas taugt, ist grässlich. Die Digitalfotografie verführt dazu. Ich selbst mache nur höchstens hundert Fotos bei einer Aufnahmesitzung.

FOTOHITS: Was sind die Minimalanforderungen, was etwa den Aufbau betrifft?

Gudrun-Holde Ortner: Ich beginne auch bei Aktaufnahmen mit ruhigen Porträtfotos. Als Standardaufbau benötige ich dafür zuerst nur ein Führungslicht von links, einen Aufheller von rechts – etwa einen Reflektor – und ein schönes Gegenlicht.

Als weiteres Vorgehen rate ich jedem Fotografen: Geh um Dein Objekt herum, ändere die Perspektive. Allein schon das hilft, einer großen Gefahr auszuweichen, nämlich in Routine zu verfallen. Dann kann man beginnen, das Licht zu ändern. Zugleich darf dabei nie der Mensch vor der Kamera vergessen werden.

FOTOHITS: Gibt es weitere Fallen, in die Porträtfotografen gerne stolpern?

Gudrun-Holde Ortner: Viele fotografieren nicht das, was sie gerade vor sich haben. Stattdessen neigen sie dazu, Aufnahmen nachzustellen, die sie schon einmal gesehen haben. Das zieht widersprüchliche und geradezu verrückte Folgen nach sich: Jeder will zwar etwas Besonderes sein, aber dennoch ganz so aussehen wie alle anderen. Diese Tendenz bringt momentan die Realität geradezu zum Verschwinden. Dagegen kämpfe ich an. Ich will den Menschen zeigen, dass sie wirklich etwas Besonderes sind. Und zumindest hier im Atelier sind sie es tatsächlich.

FOTOHITS: Wie wird man eine solche Menschenfotografin?

Gudrun-Holde Ortner: Ich habe ein klassische Fotografenausbildung samt Lehre gemacht. Aber eigentlich habe ich mich gegen die Technik eher gewehrt. Anfangs war ich sehr erfolgreich und habe zwei Mal den Deutschen Jugendfotopreis gewonnen. Dann bin ich zwar gewissermaßen auf Abwege gekommen, habe beispielsweise lange Zeit in Bars bedient. Später schaffte ich als Fabrikarbeiterin und als Zeitungsreporterin. Aber in all diesen Berufen habe ich die Menschen kennengelernt, was mir sehr geholfen hat.

Erst mit über 40 habe ich mich wieder auf meine Ausbildung besonnen. Ich musste mir die gesamte Technik, angefangen mit Blende und Verschlusszeit, wieder aneignen und habe viel aus meinen Fehlern gelernt. Selbst jetzt im fortgeschrittenen Alter versuche ich, immer bessere Porträts zu machen.

FOTOHITS: In wenigen Sätzen: Wie kommt ein gelungenes Porträt zustande?

Gudrun-Holde Ortner: Ich gebe Menschen die Möglichkeit, in sich für zwei oder drei Stunden einige Seiten zu entdecken, die sie selbst zuvor nicht kannten. Zudem dürfen sie sich dabei wohlfühlen. Dann gehen sie aus dem Atelier mit dem Gefühl, etwas Schönes mit sich und mit mir erlebt zu haben. So sollen auch die Bilder aussehen.

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Der Schauspieler Christian Berkel, der zuletzt im Kinofilm „Inglourious Basterds“ des Regisseurs Quentin Tarantino zu sehen war.
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Til Schweiger und Gudrun-Holde Ortner waren sich sofort sympathisch – die beste Grundlage für eine Aufnahmesitzung.
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Gudrun-Holde Ortner

Das Fotoatelier von Gudrun-Holde Ortner befindet sich im Herzen von Heidelberg. Dort werden Menschen nicht nur fotografiert. Vielmehr lassen sie sich dort zumindest teilweise verwandeln. Ihre Kundenreferenz geht weit über die Region hinaus. Ebenso viel Raum gibt sie den Menschen vor der Kamera.

www.holdeortner.de