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Oleg Oprisco

Oleg Oprisco: Wunderkasten

Oleg Oprisco findet seine Träume in einem Kästchen: in der Mittelformatkamera Kiev 6C. Dort bannt er sie auf einen Film mit den Maßen sechs mal sechs Zentimeter. Mehr benötigt er nicht, da seine Motive ohne digitale Tricks entstehen. FOTO HITS wollte von ihm wissen, wie er mit traditionellem Handwerk seine Fantasiewelten erschafft.

FOTO HITS: FOTO HITS: Sie fotografieren ausschließlich analog. Was stört Sie am digitalen Bild?

Oleg Oprisco: Ich benutze Mittelformatfilme, aber der Grund ist mit wenigen Worten kaum zu erklären. Erstens habe ich zwölf Aufnahmen zur Verfügung und freue mich darüber, wie wichtig jede einzelne ist. Zweitens drückt man den Auslöser und weiß nie wirklich, was herauskommen wird – das ist wahre Magie. Es hat auch etwas von Glücksspiel.

Natürlich besitze ich mittlerweile einige Erfahrungen, aber der Überraschungseffekt ist bei diesem Apparat immer gegeben. Wenn etwas nicht passt, mache ich eben eine neue Aufnahme. Das dürfte ein guter Vorschlag für manchen Fotografen sein: Wenn Du das Gefühl hast, dass Du ein Bild besser erreichen kannst, dann mache alles nochmals.

FOTO HITS: Das Mittelformat-Ergebnis können aber nur wenige von dem eines Kleinbildfilms unterscheiden. 

Oleg Oprisco: Ich mag die andere Schärfentiefe und Farbgebung des Mittelformats. Zudem verwende ich langbrennweitige Objektive. Zusammen mit einem Mittelformatfilm bewirken sie eine besondere Räumlichkeit und Atmosphäre. 

Ich führe oft Workshops durch, bei denen es mich gelegentlich amüsiert, vor Fotografen zu sitzen, die Kameras und Objektive im Wert von 2.000 bis 3.000 Euro dabeihaben. Dagegen liegt auf  meinem Tisch eine alte Kiev 6C, die gerade einmal 50 US-Dollar wert ist.

FOTO HITS: Wie kreieren Sie Ihre besondere Farbpalette? 

Oleg Oprisco: Die Grundlagen wurden im Alter von 16 Jahren gelegt. Ich arbeitete in einem Fotolabor, betrachtete täglich hunderte von Bildern und versuchte zu verstehen, was die Kunden wünschten. Wärmere, gesättigtere und hellere Ergebnisse hatten durchweg die besten Erfolge. Das bestimmte meine Entscheidungen, ich nahm die Palette, die am besten funktionierte.

Heute experimentiere ich fortwährend. Zuerst plane ich das allgemeine Farbschema. Dementsprechend wähle ich die Kleidung, Requisiten und den Aufnahmeort – alles muss in einem Farbspektrum angesiedelt sein. Eine gute Regel lautet: Keine digitale Nachbearbeitung verwandelt ein schlechtes in ein gutes Foto. Ich scanne es höchstens ein und führe leichte Farbkorrekturen durch, alle anderen Probleme löse ich während der Aufnahmesitzung.

FOTO HITS: Wie organisieren Sie ansonsten den großen Tag?

Oleg Oprisco: Alles beginnt mit meinem kleinen schwarzen Buch, in dem ich alle meine Ideen notiere.

Sobald ich für die Aufnahme selbst alles fertig habe, also das richtige Model oder die Umgebung gefunden habe, bereite ich mich weiter vor. Dabei habe ich festgestellt, dass ich am liebsten alles selbst erledige: Ich entwerfe das Konzept, gestalte die Garderobe, bestimme den Aufnahmeort, die Frisuren und das Make-up.

FOTO HITS: Viele Ihrer Werke entstehen draußen. Auf welche Weise bewerkstelligen Sie dort die Ausleuchtung?

Oleg Oprisco: Ich setze ausschließlich natürliches Licht ein. Ich mag es, wenn eine Szene wie aus dem echten Leben aussieht, an der ein Betrachter zufällig vorbeispaziert. Dazu passt, dass ich aufgrund meiner bevorzugten Brennweite von 300 Millimetern sehr weit vom Geschehen entfernt stehe und tatsächlich die Reaktionen der Vorbeigehenden beurteilen kann. 

FOTO HITS: Wie sorgen Sie dafür, dass ein Model genau das tut, was Sie vor Augen haben? 

Oleg Oprisco: Ich entscheide immer so, dass die Geschichte zum Charakter des jeweiligen Models passt. Wenn sie ihr nahe ist und sie diese versteht, sieht es auch natürlich aus. Ich denke, ein Betrachter spürt die Harmonie. 

Ein solche Aufnahme sollte nur positive Gefühle hinterlassen, daher versuche ich, möglichst zügig zu fotografieren. Ich verstehe nicht, wie jemand eine Aufnahmesitzung zehn bis zwölf Stunden ausdehnt. Das stellt eine Tortur für das Model und sämtliche Beteiligten dar. 

FOTO HITS: Niemand nimmt einem Fotografen die vielen Entscheidungen ab, die in einem gelungenen Bild münden. Worauf können Sie dabei bauen?

Oleg Oprisco: Ich experimentiere fortwährend und wechsle Materialien und Ausstattung. Außerdem gibt es Videos zuhauf, die Werkzeuge und mehr etwa für Beauty-Aufnahmen erläutern. Wenn Du den Ehrgeiz und die Zeit hast – es liegt allein an Dir. Man kann sicher sein, dass jeder Künstler aus dem 18. oder 19. Jahrhundert auf uns neidisch wäre. Denn wir können überall leben, so ziemlich alles erschaffen und es der ganzen Welt präsentieren. Wie gesagt – es liegt in unseren Händen.

Was stilistische Einflüsse angeht, habe ich kein Bedürfnis, jemand nachzuahmen. Man sollte sich ohnehin nie zur Geisel der Gedanken und Ideen anderer machen lassen. Ich suche meine Inspirationen selbst, schließlich leben wir in aufregenden Zeiten. Alles verändert sich so schnell, vom Wetter über ganze Landschaften bis zu den Menschen. Alles, was um uns herum geschieht, dient als einzigartige Quelle von Inspirationen. Es macht also keinen Sinn, von anderen zu klauen. 

Wenn ich mich in meiner Wohnung umschaue, sehe ich allerdings viele Bilder anderer Fotografen. Wenn mir eines gefällt, dann kaufe ich es. Außerdem umgibt mich viel klassische Literatur, etwa von Leo Tolstoi, Alexander Kuprin, Fjodor Dostojewski, Irvine Welsh und George Orwell, und Bücher über zeitgenössische Kunst.

FOTO HITS: Sie sagten einmal in einem Interview: „Wenn man gute Ergebnisse haben will, darf man Fotografie nicht wie ein Hobby betreiben.“ Wie meinen Sie das?

Oleg Oprisco: Um voranzukommen und solche Resultate zu erzielen, ist eine echte Entscheidung gefordert. Anfänger feiern vielleicht dank ihres Genies gelegentlich Erfolge, die sind aber keinesfalls auf Dauer verlässlich zu erzielen. Es geht schließlich bei der Fotografie nicht allein darum, den Auslöser zu drücken, sondern durch Fleiß und Lernen besser zu werden.

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Auch für sein Selbstporträt bevorzugt Oleg Oprisco eine malerische Version.

Der ukrainische Fotograf Oleg Oprisco begann mit 16 Jahren als Angestellter in einer Dunkelkammer zu arbeiten.  Mit 18 assistierte er in der Hauptstadt Kiew einem Werbefotografen. Indes bedeutete dies viel Kommerz und wenig Kreativität. Daher machte er sich mit 23 selbstständig. Oprisco verwendet bevorzugt eine Kiev 88 sowie Kiev 6C. Die Mittelformatmodelle ähneln der ostdeutschen Pentacon Six und entstammen der Arsenal-Fabrik, die während der Sowjet-Zeit produzierte.

Wer einen exklusiven Druck von Oprisco wünscht, erhält ihn ab 149 US-Dollar, die Versandkosten sind im Preis inbegriffen. Der Künstler gibt sie auf einem professionellen Epson 11880 auf  Fine-Art-Papier aus. Alle Werke sind auf 30 Stück limitiert und werden auf der Rückseite handschriftlich signiert.

www.oprisco.com