Praxis

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Die zehn besten ...

… Tipps für außergewöhnliche Pflanzenfotos

Pflanzen bieten sich allen Anfängern als dankbares Motiv an: Sie halten still und locken mit unzähligen Farben und Formen. Selbst nach über hundert Jahren werden Fotografen nicht müde, ihre Geheimnisse zu erforschen. Nobuyoshi Araki etwa lockte ihre lüsterne Seite hervor und Karl Blossfeldt analysierte ihre Architektur. Unsere Tipps bringen weitere Ideen zum Erblühen.

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Der kleinste Windhauch rückt die fokussierten Samen aus dem Schärfebereich.

1. Luftschutzraum

Jedes Lüftchen weht eine fokussierte Blüte aus dem winzigen Bereich, in dem sie scharf abgebildet wird. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, dies zu vermeiden: Man geht am frühen Morgen oder am späten Nachmittag heraus, da der Wind in diesem Zeitraum manchmal einschläft. Oder man nimmt einen Windschutz mit. Eine preisgünstige Sparversion besteht aus einer transparenten Plastikbox, in die zum Fotografieren ein Loch geschnitten wurde.

Wind und Makrofotos schließen sich aus.

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Mit offenen Augen erkennt man die Besonderheiten eines Motivs. Mit Erfahrung hebt man sie hervor (ein Mausklick zeigt das ganze Bild).

2. Dumm stellen

Eine Rose hat jeder schon einmal gesehen. Daher muss ein Fotograf sie so betrachten, als hätte er niemals zuvor dieses Wunderwerk der Natur erblickt. Wenn sich seine besonderen Strukturen offenbart haben, muss der Fotograf nochmals nachdenken: Wie soll das Resultat aussehen und mit welchen Gestaltungsmitteln erreiche ich dieses Wunschbild?

Das Beispiel rechts gefällt neben der Schnecke durch die starken Komplementärfarben Grün und Rot. Da beide eine ähnlich große Fläche einnehmen, entfaltet  sich eine ausbalancierte Wirkung.

Bezüglich der Formen kann man eine kleine Knospe und eine geöffnete Blüte als Stil­element ebenso herausarbeiten wie die Dia­gonalen von Stängeln. Die Zauberformel heißt meist: Alle Linien vereinfachen.

Naiv herangehen, aber klug gestalten. 

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Der Blitz hebt die weißen Blüten vor schwarzem Hintergrund besonders schön hervor.

3. Im Rampenlicht

Der interne Blitz einer Kamera feuert angesichts der geringen Entfernung meist über das Objekt der Begierde hinweg. Dagegen kann man einen externen Systemblitz neigen oder unabhängig auslösen. Bevorzugt geschieht dies etwa mithilfe eines TTL-Kabels. Dieses Zubehör ist für zahlreiche SLR-Modelle und einige Kompaktkameras mit Blitzschuh im Fachhandel erhältlich. Als Hintergrund ist beispielsweise ein großes Tuch aus schwarzem Samt geeignet. Damit der Blitz es möglichst dunkel belässt, wird es in einiger Entfernung vom Motiv angebracht. 
Ein improvisiertes Ministudio hebt die Qualität.

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Eine Taschenlampe lädt zu raffinierten Lichtspielen ein.

4. Mit Licht malen

Daheim ergeben sich großartige Möglichkeiten, wenn man mit einer Taschenlampe experimentiert. Dazu wird ein Zimmer abgedunkelt und die Kamera auf mehrere Sekunden Belichtungszeit eingestellt. Dann leuchtet man die Pflanze stückweise aus. Es empfiehlt sich, sie frei im Raum aufzustellen, da eine Wand unruhig wirkende Lichtspuren protokolliert. Als gestalterisches Element kann man allerdings das Motiv mit einer Leuchte gezielt umkreisen, was beispielsweise eine faszinierende Lichtspirale ergibt.   

Eine Taschenlampe sorgt für Lichtmagie.

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Schlichte weiße Pappe erhöht die Bildqualität maßgeblich. Sie stellt das Hauptmotiv heraus und bewirkt eine weiche Ausleuchtung (ein Mausklick zeigt das ganze Bild).

5. Runde Sache

Im richtigen Licht erhält jeder Blumenstrauß einen Starauftritt. Eine passende Bühne ist eine so genannte Hohlkehle, etwa ein gebogenes DIN-A3-Papier. Sie ist schnell hergestellt und bietet drei Vorteile: einen dezenten Hintergrund, halbwegs gleichmäßig gestreutes Licht und einen verminderten Schattenwurf. Falls man mit einem externen Systemblitz arbeitet, sollte er beispielsweise seitlich platziert und auf den Hintergrund ausgerichtet sein.

Eine Hohlkehle ergibt eine perfekte Kulisse.

Bild: Rula Sibai
Die unterschiedlichen Schärfeebenen erzeugen einen malerischen Effekt. Bild: Rula Sibai

6. Weichzeichner

Alles ist besser als ein chaotischer Hintergrund. Wie in den Tipps zuvor gezeigt, schaffen schwarzer Samt oder weißes Papier Abhilfe. In freier Wildbahn muss man sich anders behelfen: Ein niedriger Blendenwert lässt unruhig wirkende Zweige im Hintergrund verschwimmen.

Falls dies nicht möglich ist, etwa weil die Aufnahme überbelichtet wird, trägt man Vaseline etwa auf einen UV- oder Schutzfilter auf. Sein Zentrum bleibt dabei frei. Der Objektivvorsatz wird danach vor der Frontlinse angebracht. Die Vaseline ist mit einem weichen Tuch, Wasser und Seife wieder leicht entfernbar.

Vaseline macht romantische Blumenbilder.

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Reflexionen – ob die einer Wasserfläche, einer Kristallkugel oder die eines Spiegels – geben einem Foto mehr Tiefe.

7. Spiegelreflexmodell

Um eine Blüte bis zu den Staubgefäßen auszuleuchten, lenkt man mithilfe eines Taschenspiegels Sonnenlicht hinein. Außerdem bringt er mehr Helligkeit auf den Wiesengrund oder unter Pilzhüte. Daher gehört das kleine Accessoire ins Gepäck jedes Makrofotografen.

Ein ungewöhnlicher Effekt ergibt sich, wenn man einen Spiegel auf eine Wiese legt. Wenn er geschickt platziert wurde, wachsen die Blüten scheinbar riesenhaft in den Himmel. Außerdem erspart er einem Fotografen, sich auf den Boden zu werfen, um die Flora aus extremer Froschperspektive abzulichten. 

Ein Handspiegel erlaubt zwei schöne Taschenspielertricks.

Raphael Wildhaber
Blätter offenbaren im Gegenlicht ihre schöne Äderung. Bild: Raphael Wildhaber

8. Mehr Transparenz

Blüten und Blätter besitzen oft eine wundervolle Äderung. Sie kommt zum Vorschein, wenn man sie im Gegenlicht, also gegen die Sonne, ablichtet. Hierfür muss man gewöhnlich eine tiefstehende Sonne abwarten. Da sie der Belichtungsmesser als Maßstab nimmt, drohen unterbelichtete Fotos. Das Problem wird gemeistert, wenn der Belichtungsmesser auf „Spot“ steht oder der Belichtungsausgleich (meist als +-EV gekennzeichnet) um mehrere Blendenstufen erhöht wird. Ein Wert von zirka drei Blendenstufen hat sich in der Praxis bewährt.

Gegenlicht erschafft ätherisch wirkende Aufnahmen.

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Die großen Tautropfen schimmern wie Perlen auf der Rosenblüte.

9. Künstlicher Tau

Wer Tautropfen gezielt aufbringen will, darf tief in die Trickkiste greifen. Zuerst erhält die Blume eine Schutzschicht, für die Silikon-Imprägnierspray geeignet ist, das etwa für Schuhe verwendet wird. Ihr Sinn ist, dass das Wasser besonders schön perlt, was aber bei vielen Blüten ohnehin der Fall ist. Dann mischt man Wasser und Glyzerin (in Apotheken erhältlich) im Verhältnis 1:1. Die Mixtur kommt in eine Sprühflasche oder einen Parfümzerstäuber, der einen feineren Nebel erzeugt. Einzelne Tropfen bringt man mit einer Pipette auf. 

Mit Glyzerin hilft man der Natur nach.

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Fotograf Bill Gracey platzierte den Blitz YN560-II hinter eine helle Softbox und stellte alles hinter die Blüte. Eine noch einfachere Durchlichtaufnahme kann man mit einer Milch­glasscheibe statt einer Softbox erstellen.

10. Röntgen für Arme

Ein Ministudio schenkt  künstliches Gegenlicht. Dazu benötigt man nur eine Milchglasscheibe und einen Systemblitz. Dieser wird so unter der Scheibe angebracht, dass er nach oben leuchtet. Erfahrungsgemäß muss man ihn auf die niedrigste Stufe stellen, da er ansonsten zu grell ist. Bevorzugt wird er per Funk oder Kabel ausgelöst. Dagegen ist ein per Infrarotzelle gezündeter Slave-Blitz auf den Kamerablitz angewiesen, was eine ungünstige frontale Ausleuchtung ergibt. Die Blume kommt auf die Scheibe, und wird als zauberhafte Durchlichtaufnahme festgehalten.

Milchglas macht müde Motive munter.