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Praxis: Infrarotfotografie

Geisterhaft

Infrarotaufnahmen verblüffen durch ihre Schattierungen und einen einzigartigen Bildeindruck. Der Artikel erklärt, wie mit wenigen Mitteln ein leuchtendes Kunstwerk entsteht.

Weiße Blätter, grüne Ziegel – eine so abgelichtete Landschaft scheint in einem Bildbearbeitungsprogramm wild gefiltert zu sein. Tatsächlich machen solche Fotos die infrarote Strahlung sichtbar, die dem bloßen Auge verborgen bleibt. Um sie zu erfassen, muss nur ein Filtervorsatz vors Objektiv geschraubt werden.

Das Zubehör bringt mehr als nur surreale Farbverschiebungen.

  • Überdies verstärkt es einen Effekt, den auch ein normaler Rotfilter bewirkt: Der Wolkenhimmel erscheint weitaus kontrast- und abwechslungsreicher.
  • Außerdem wird Infrarotlicht (IR) in der Atmosphäre weniger gestreut als normales Licht. Daher treten keine Dunstschleier vor weit entfernte Motive.

Sichtbares Sonnenlicht bescheint ein Motiv in Wellenlängen von 400 bis 700 Nanometern (nm). Jenseits davon schwingt das infrarote Licht, für das aber der Sensor einer Digitalkamera empfänglich ist. Für die Kamerafunktion ist dies ein Nachteil, da eine Belichtung stattfindet, ohne dass die Information etwas zum Bild beiträgt, so wie wir es sehen. Daher bauen die Hersteller einen IR-Sperrfilter vor den Kamerasensor, der es abblockt.

Zum Glück für experimentierfreudige Fotografen dringt noch genügend infrarotes Licht durch den Sperrfilter. Die Restmenge variiert aber in hohem Maße je nach Modell und Hersteller, weswegen nicht jede Digitalkamera für IR-Fotos geeignet ist.

Ist meine Kamera IR-tauglich?

Ob das eigene Kameramodell einsetzbar ist, legt ein einfacher Test offen. In einem dunklen Zimmer wird die Kamera eingeschaltet und die Fernbedienung des Fernsehers zur Hand genommen. Wenn sie in Richtung Objektiv zeigt, muss bei Knopfdruck auf dem Kamera-Display ein Licht aufblitzen, das mit bloßem Auge nicht zu sehen ist. Allerdings sagt das Experiment nichts darüber aus, wie empfänglich der Sensor für Infrarot ist – hier hilft nur Ausprobieren. 

Normales, für das Auge sichtbares Licht überdeckt die gewünschte Wirkung. Daher muss es weitgehend ausgesperrt werden. Dieses Ziel erreicht man mit einem speziellen Rotfilter, dem so genannten IR-Filter. Dieser ist deutlich von einem IR-Sperrfilter zu unterscheiden. Letzterer blockt nämlich die infrarote Strahlung ab, die schließlich für Infrarotaufnahmen beim Sensor ankommen soll. 

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Dank einer Belichtungsreihe erscheint das Motiv garantiert ausreichend hell.

Zubehör

  • IR-Filter
  • Stativ
  • Bildbearbeitungsprogramm

Das wichtigste ­Utensil: ein IR-Filter. Um ihn anzubringen, muss die Kamera ein passendes Filtergewinde in der entsprechenden Größe besitzen.

Für den Kauf gilt: Der Filter soll möglichst intensiv getönt sein wie der B+W 093. Die ultimative Steigerung bewirkt ein Schwarzfilter, der ausschließlich infrarote Strahlen passieren lässt, etwa Wratten 89B. 

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Streiflicht erzeugt einen von Professor R. W. Wood entdeckten Effekt, der sich in weißen Blättern äußert. Bild: Werner Siegfried Genreith

Aufnahmetipps

  1. Der Tag sollte windstill sein. Ansonsten werden etwa Blätter und  Wiesen aufgrund der langen Belichtungszeit unscharf abgebildet. 
  2. Nicht wundern: Bei einem sehr dunklen Filter sind auf dem Kameramonitor nur Schemen zu erkennen.
  3. Die Belichtungszeit muss wegen des Filtervorsatzes um einen bestimmten Faktor ausgedehnt werden. Man nennt dies den Filter- oder Verlängerungsfaktor. Stellt man aber die Belichtungszeit auf „Automatik“, muss man ihn nicht berechnen, dies erledigt die Kamera.
  4. Versuch und Irrtum führen auch zum Ziel. Man stellt etwa auf den Modus „M“ wie manuell, gibt einen Blendenwert vor und verlängert dann die Verschlusszeit, bis das Ergebnis ausreichend hell ist.
  5. Zur Belichtungsmessung sind „Mehrfeld“ oder „Durchschnitt“ günstig.
  6. Die Weißbalance verliert im IR-Spektrum ihren Sinn, da es dort weder Weiß noch vertraute Farben gibt. Da es also ohnehin egal ist, kann man es mit „Auto“ versuchen.
  7. Der Autofokus hat ein Problem, wenn er Infrarot gemischt mit natürlichem Licht erfasst. Der Brennpunkt für „normales“ Licht liegt auf der Filmebene, infrarote Strahlen treffen dahinter auf. Daher ist die Automatik unsicher, worauf sie fokussieren soll. Eine ausgedehnte Schärfentiefe, also ein großer Blendenwert, erhöht die Chance auf ein scharfes Bild.

Experimente

  • Der silberne Schimmer von Laubbäumen tritt am besten bei seitlichem Streiflicht hervor, Gegenlicht erzielt kaum eine Wirkung. Nadelgehölze bleiben immer dunkel. 
  • Glühlampen im Haus weisen einen sehr intensiven Rotanteil auf. Es lohnt sich daher, den Haushalt statt der gängigen Landschaftsaufnahmen fotografisch zu erkunden.
  • Wer eine Kamera komplett zum IR-Spezialisten umbauen will, findet etwa in der Fotocommunity eine Anleitung: www.fotocommunity.de/info/IR_Umbau
  • Experimentieren Sie mit der ISO-Empfindlichkeit! Manchmal ändert die Kamera bei hohen Werten überraschend ihr Verhalten.
  • Lange Verschlusszeiten provozieren das Bildrauschen. Die bunten Störpixel erfordern oft digitale Nachbearbeitung. Geeignete Helfer sind in der Software-Datenbank von www.fotohits.de zu finden.
  • Das Ergebnis ist meist violett gefärbt. In einem Bildbearbeitungsprogramm kann man es in reines Schwarzweiß umwandeln oder nach Gusto tönen. Werkzeug der Wahl ist der Kanalmixer. Er ist in vielen Bildbearbeitungsprogrammen zu finden, in „Adobe Photoshop CC“ etwa unter „Bild – Korrekturen – Kanalmixer“, in „Gimp“ unter „Farben – Komponenten – Kanalmixer“. Zuerst setzt man dort in der Checkbox „Monochrom“ ein Häkchen. Ansonsten warten drei Regler auf den Benutzer. Sie sind für je einen der drei Farbkanäle zuständig, aus denen die Palette eines Digitalfotos gemischt ist. Es gilt nur eine eherne Regel: Die Summe der Prozentwerte muss immer 100 ergeben. Beispielsweise schiebt man Rot auf „-60“. Dann folgert für Blau und Grün jeweils „+80“ (-60 + 80 + 80 = 100).