Praxis

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Monochrom: Eine Farbe, viele Ideen

Der erste Blick entscheidet, ob sich ein Foto dem Betrachter einprägt. Um ihn zu beeindrucken, bieten sich monochrome Bilder an. Schließlich ist jeder von Kindheit an auf Farbsignale geeicht: „Bei Rot stehen, bei Grün gehen“. Diese einfache Regel bleibt ebenso im Gedächtnis wie eine gelungene Rot-Grün-Palette.

Geschlossene Fotoserien besitzen eine eigene Persönlichkeit, die sich geradlinig präsentiert. Sie können ebenso wie ein Mensch unterkühlt oder feurig sein. Wenn darüber hinaus noch einige gute Bildideen vorhanden sind, gelingt ein abgerundetes Werk, mit dem man sich bei einer Gemeinschaft im Internet oder in einer Ausstellung präsentieren kann. Auch als Postkartenmotiv ergeben Monochrombilder einen stilvollen Gruß.

Allerdings ist die Wirkung nicht vorprogrammiert. Beispielsweise wurde Picasso nicht etwa deshalb mit seiner „Blauen Periode“ berühmt, weil er einfach alle anderen Farben aus der Palette verbannte und sich auf die Wirkung einer einzigen verließ. Vielmehr vermittelte er damit etwas Bestimmtes: seine Traurigkeit und menschliches Elend. Abgesehen davon litt er schlicht unter der winterlichen Kälte in Paris. Folgerichtig fand die kühle Farbpalette ihre konkrete Form in Motiven wie Bettlern und Obdachlosen. Nachdem er diese Phase überwunden hatte, erstrahlten seine Zirkusbilder in freundlichem Rosa.

Das Künstlermonument darf man getrost beiseite schieben, die einfache Quintessenz lautet: Abseits von akademischen Überlegungen über Farbe zählen letztlich die eigenen Projekte. FOTO HITS gibt hierfür einige kurzweilige Anregungen.

1. Darf’s eine Scheibe mehr sein?

Das wichtigste Utensil für unseren Tipp zur monochromen „Food-Fotografie“ (auf Deutsch: Essen ablichten) ist ein Wischlappen. Er wird benö­tigt, um die Auflage eines Scanners von der Obstsalat-Invasion zu befreien, die man ihr aufbürdet. Unter Food-Fotografen gehört die Technik zum Standard: Statt Obst und Gemüse en gros zu fotografieren, schneiden sie es in dünne Scheibchen. Diese arrangieren sie appetitlich auf der Glasplatte und erzielen so wortwörtlich glänzende Erfolge. Denn obwohl ein Scanner nicht für die Makrofotografie gebaut wurde, liefert er dennoch verblüffende Ergebnisse. Die Gründe dafür sind:

  • Die Aufnahme ist baubedingt gleichmäßig ausgeleuchtet, da die Lämpchen langsam das Objekt abtasten.
  • Ein Scanner kann selbst Objekte in der Größe DIN A4 und größer (je nach Scanfläche) erfassen. Mit einer Kamera dagegen wäre man dafür oft zu nahe am Motiv.
  • Ohne dass man mit der Schärfentiefe oder Hintergründen experimentieren muss, heben sich die Objekte gut ab.
  • Da die Motive eines Scans gewöhnlich nicht weglaufen, kann man sie liebevoll und in aller Ruhe arrangieren.
Kunst aus dem Scanner
Die Scannerlampe bringt die filigranen Strukturen von Blüten und anderen dünnen Objekten schön zur Geltung.
Kunst aus dem Scanner
Herbstlaub zeigt im Scanner seine vielfältigen Farben und Formen. Mit ihm lassen sich Bildhintergründe oder Grußkarten gestalten.

Die stärkste Einschränkung bringt die geringe Schärfentiefe des Geräts mit sich, da die Glasplatte nicht die optische Qualität eines Objektivs besitzt. Daher lassen sich nur flache Motive einlesen, während bereits in einem Abstand von wenigen Millimetern alle Details verschwimmen.

Doch wirken Arrangements aus geschliffenen Halbedelsteinen, Blättern oder Obstscheiben ohnehin besonders gut, wenn sie dünn sind. Dann nämlich erhalten sie eine Leuchtkraft ähnlich der von Kirchenfenstern.

2. Farbakkorde komponieren

vier Elemente
Einfache Farben, einfache Formen – doch ihre Bedeutung als die vier Elemente erschließt sich sofort.

Ein Foto erzählt eine Geschichte, die Farbgebung fügt eine andere hinzu. Woran denkt man beispielsweise bei der Abfolge Rot, Blau, Braun, Hellblau? Sie steht für die vier Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft. Mit ähnlich starken Emotionen sind National- und Vereinsfarben verbunden. Ihr simples Schema ergibt eine einprägsame Bilderfolge, die sich als Illustration oder Wandschmuck eignet. 

Allerdings lässt sich einwenden, dass es platt ist, die Symbolik einer Farbe Eins zu Eins umzusetzen. Wie abgenutzt das ist, zeigt sich daran, dass unzählige Fotografen ähnliche Projekte durchgeführt haben – beispielsweise die vier Elemente in den passenden Farben aufzunehmen. Dieses Rezept zu wiederholen, bietet für einen ambitionierten Lichtbildner keine Herausforderung.

Wie sich die Farbsymbolik erweitern lässt, zeigt das im Vortext erwähnte Exempel. Rot besitzt eine allseits bekannte Signalwirkung, zusammen mit Orange und Grün bildet sie die Kommandofolge einer Ampel: warten, bereit machen, gehen. Mit wenig Fantasie nimmt man einen Fußgänger in den entsprechenden Bewegungen auf und färbt dann die Ergebnisse ein.

Ein kreativer Fotograf dagegen schließt die Augen und überlässt sich den Assoziationen, die er mit den Ampelfarben verbindet: auf Grün lauern, ödes Warten, beim Umschalten blind reagieren, gesellschaftliche Regeln, Menschen sammeln sich, Feierabend. Daraus entwickelte sich die Vorstellung der Regulierung von Fabrik, Konsum und Freizeit, die sich wie bei einer Ampelschaltung abwechseln. Diese Schulung ist auch nützlich für alle, die eigene Bilder als Stockphotos verkaufen wollen.

3. Die Eiszeit erforschen

Dafür, dass die Natur mit monatelanger Kälte peinigt, belohnt sie den Fotografen mit wundervollen Skulpturen. Mit einem optimistischen Blick auf klare Wintertage steht eine Entdeckungsreise in Eis und Schnee bevor. Sie führt einen Künstler fast automatisch zu seiner eigenen „Blauen Periode“ – falls sie ihn nicht in grauem Matsch versenkt.

Als künftige Erinnerung an den Winter kann eine Serie von Eiszapfen das Fotoalbum füllen. Wenn es klirrend kalt wird, bringen etwa Springbrunnen und Wasserfälle die schönsten Formen hervor. Und wie das Beispiel mit dem Pony-Schlitten zeigt, tut es dem winterlichen Vergnügen keinen Abbruch, wenn es kühle Farbabschattungen erhält. Im Gegenteil: Das diffuse Blau erzeugt ein stimmungsvolles Bild. 

  • Ein klassisches Problem dabei ist, dass der Belichtungsmesser vor lauter Weiß verrückt spielt. Er will die Lichtfülle drosseln, indem er radikal unterbelichtet. Die Folge ist, dass sich Dämmerung über die Winterlandschaft senkt. In analogen Zeiten lautete das Rezept: Etwa zwei Blendenstufen bewusst überbelichten. Da mittlerweile jede Digitalkamera einen Modus „Schnee“ bereit stellt, hat sich das Problem allerdings erledigt.
  • Wer ohne Manipulation am Computer eine bläuliche Färbung erreichen will, trickst den Weißabgleich aus. Im entsprechenden Menü stellt man die Option „Glühbirne“ ein. Die Kamera erwartet ein warmes rötliches Licht und steuert kräftig dagegen, was ein schön frostiges Blau ergibt.
Schlitten im Winter
Selbst ohne Blaufilter mischt der Winter seine eigene Palette.
Eis
Im Eis verbergen sich Formen, die wie hier an gefrorene Amöben erinnern.
Karl Blossfeldt
Das unerreichte Original: Ein Eisenhuttrieb, abgelichtet von Karl Blossfeldt.

4. Der Natur folgen

Mit spartanischen Unterrichtsmaterialien kann man berühmt werden. Karl Blossfeldt etwa lehrte an der Kunstgewerbeschule in Berlin. Ab 1899 unterrichtete er seine Schüler im Fach „Modellieren nach Pflanzen“. Dafür benötigte er Anschauungsmaterial, wofür er Spargel, Farne und Knoblauch ablichtete.

Statt romantischer Blumenbuketts richtete Blossfeldt sein Augenmerk auf die architektonischen Merkmale – als Künstler hat er sich nie verstanden. Nichtsdestotrotz begeistern seine Bücher „Urformen der Kunst“ und „Wundergarten der Natur“ noch immer.

Um seinem Vorbild zu folgen, benötigt es vor allem einen analytischen Blick. Die technischen Voraussetzungen sind meist ohne weitere Investitionskosten gegeben: Der Makromodus gehört konstruktionsbedingt ohnehin zu den Stärken von Digitalkameras. Ansonsten ist ein Stativ zu empfehlen, das hilft, den Fokuspunkt richtig zu setzen.

  • Falls man die Möglichkeit hat, im Studio zu arbeiten, lässt sich die Beleuchtung recht einfach lenken. Frontal kommt das Hauptlicht hin, was je nach Ausstattung eine Schreibtischlampe, ein Baustrahler oder ein Studioblitz ist. Seitlich lässt sich die Pflanze mit zwei Styroporplatten aufhellen, die entsprechend hinzustellen sind.
  • Eine interessante Beleuchtung ergibt sich auf jeder Fensterbank. Dort entsteht ein diffuses Licht, indem man das Glas mit Pergamentpapier abklebt. Für die frontale Beleuchtung sorgen Styroporplatten, die vor der Pflanze stehen. Sie sind im 45-Grad-Winkel angeordnet und lenken so die Sonnenstrahlen zu ihrer Vorderseite.
  • Auch in der freien Natur kommt man nur selten ohne Reflektoren aus. Für wenig Geld gibt es praktische Pop-up-Folien zu kaufen, die sich in der Hosentasche transportieren lassen. Nimmt man sie heraus, dann springen sie bis zur Größe etwa einer Langspielschallplatte auf.

 

 

Fächerpalme
Ein monochromes Stillleben wirkt beruhigender als bunter Mischmasch. Denn 1.600 Jahre chinesischer Weisheit können nicht lügen: „Farbenpracht blendet das Auge“ (Laotse).

Farb-Zirkeltraining

Wer sich inmitten von Farbpfützen unsicher fühlt, rutscht leicht auf ihnen aus. Einige Untiefen lassen sich vermeiden, wenn man sich an Regeln hält. In der FOTO HITS-Ausgabe 4/2010 ist einiges über Farbharmonie und -psychologie nachzulesen. 

Der berühmte Fotograf Henri Cartier-Bresson hat sein Auge bewusst trainiert, um Sicherheit zu erlangen. Als Schwarz-Weiß-Fotograf konzentrierte er sich unter anderem auf Schattierungen, die er an Wänden und auf rostigem Eisen entdeckte.

Solche Übungen sind heutzutage besonders einfach durchzuführen, da man nicht auf 36 Bilder reduziert ist, die erst nach der Entwicklung zu begutachten sind. Daher lässt sich der gesamte Farbkreis ohne Kosten und Mühen durchlaufen. Statt langer Worte sollen die Beispielfotos unten für sich sprechen. Aus den statischen Motiven lässt sich ein bunter Reigen kreieren.

Rost an einer Tür
Die Aufgabe: Möglichst viele Nuancen von Rost und blätternder Farbe zu finden.
Rost an einer Tür
Als Nebeneffekt entwickelt man ein Auge für handwerkliche Kunstfertigkeit.