Praxis

Mitzieheffekt

Schwungvoller Mitzieheffekt

Verfolgungsjagd

Hände weg von Software-Filtern! Stattdessen bringt eine bewährte Technik Ergebnisse, wie sie kein Pixelschubser hinbekommt. Der so genannte „Mitzieheffekt“ ergibt energiegeladene Fotos. Wie man ihn erfolgreich anwendet, zeigt der nachfolgende Artikel.

Ein „Mitzieher“ ist etwa für Sportaufnahmen ein Klassiker. Als Ergebnis bleibt das bewegte Motiv weitgehend scharf, während der Hintergrund streifig verwischt. Dies ergibt nicht nur ein dynamisches Foto, sondern auch einen spannenden Hintergrund, selbst wenn er nur aus einer abgeranzten Turnhalle besteht.

Kurz zusammengefasst wählt man hierfür eine lange Verschlusszeit und folgt der Bewegung des Motivs mit der Kamera. Der Mitzieheffekt ist also nicht nur spektakulär, er schult auch die Beweglichkeit und Reflexe eines Fotografen. Trotz des simplen Kameraschwenks sind aber die Erfolgsaussichten angesichts eines Rennautos selbst für einen asiatischen Kampfmönch ungewiss. Die Tipps von FOTO HITS steigern die Chancen auf ein gelungenes Bild.

Zubehör

  • Stativ
  • Viel Geduld
Bild
Ein Stativ hilft, den Schwenk kontrolliert auszuführen. Die Aufnahme entsteht dann zwar nicht mehr spontan, aber dafür besitzt man eine lebendige Erinnerung.

Fit dank Fotos

Ein Fotograf, der erst aktiv wird, wenn etwa ein Pferd vorbeigaloppiert, hat das Rennen ums beste Bild bereits verloren. Erstens muss seine Kamera längst optimal eingestellt sein. Zweitens besteht die Herausforderung darin, sich der Geschwindigkeit eines Motivs anzupassen. Daher sollte man schon vor dem Auslösen mit der Kamera einen flüssigen Schwenk vollziehen, um dann aus der Bewegung heraus das Standbild zu machen. 

Für eine saubere Drehung bildet ein Stativ eine stabile Grundlage. Hier sind insbesondere so genannte Drei-Wege-Neiger sinnvoll. Sie erlauben eine präzise Bewegung in der Waagerechten, wie sie für Mitzieher erforderlich ist. Stative mit Kugelgelenk sind nur dann sinnvoll, wenn sie eine Horizontverriegelung besitzen. Es gilt die Faustregel: Belichtungszeiten über 1/30 Sekunde erfordern ein Stativ, da ansonsten alles verwackelt. 

Eine wesentliche Rolle spielt auch das verwendete Objektiv, genauer gesagt seine Brennweite. Die Ursache hierfür ist schnell erklärt: Man stelle sich einen Menschen vor, der sich einen Zentimeter weit dreht. In der einen Hand hält er waagerecht einen Bleistift, in der anderen einen Stock. Dessen Ende legt naturgemäß einen längeren Weg zurück als die Bleistiftspitze.

Ebenso verhält es sich mit langen und kurzen Brennweiten: Mit 300 Millimetern bewegt sich ein Bildausschnitt stärker als bei einem Weitwinkelobjektiv mit 30 Millimetern. Dies äußert sich im Foto als längerer Unschärfeschweif – aber auch in einer schwierigeren Handhabung.

Bild: Melissa Newkirk
Jedes Motiv benötigt eine andere Verschlusszeit, um den Effekt möglichst wirkungsvoll einzufangen. Bild: Melissa Newkirk

Auf die Länge kommt es an

Die optimale Verschlusszeit hängt vom Motiv ab. Am einfachsten funktioniert es mit Autos, da sie anders als Hunde oder Pferde keine beweglichen Gliedmaßen besitzen. Daher muss bei der Belichtungszeit nur die Bewegung des Boliden berücksichtigt werden, während bei Tieren auch deren Beine bildwichtig sind. Folgerichtig erzielt man bei einem Autorennen – das nebenbei einen großartigen Übungsparcours darstellt – eine vergleichsweise hohe Trefferquote. Überdies kann man hervorragend mit Zeiten von etwa 1/30 bis 1/4 Sekunde experimentieren, während sich die Flitzer dank des Kreisverkehrs regelmäßig als Motiv anbieten.

Wenn man eine Belichtungszeit von 1/4 Sekunde auf ein Rennpferd anwendet, zeigt sich der Unterschied zwischen Rumpf, Kopf und Beinen deutlich. Letztere zuckeln viel stärker als der Rest. Daher wird man die  Beine niemals wirklich scharf erfassen, aber zumindest der Kopf sollte erkennbar bleiben, weswegen eine kürzere Einstellung sinnvoll ist.

Vorspung durch Technik

Wenn die Kamera gut eingestellt ist, unterstützt sie die Reflexe eines Fotografen. Dabei sind nur drei Punkte beachtenswert, alles andere erledigt die „Automatik“:

  • Den Bildstabilisator ausschalten.
  • Modus „S“ oder „T“ wie Verschlusszeitvorwahl, die Blende wird dann automatisch gewählt. Alternativ dazu: Eine rein manuelle Vorgabe.
  • Falls vorhanden: „Kontinuierlicher Autofokus“ einstellen. Je nach Hersteller heißt die entsprechende Funktion auch „Autofocus flexible“ (Panasonic), „Prädiktiver Autofokus“ (Nikon, Olympus) oder „Weitbereichs-AF“ (Canon).

Einige Worte sind bezüglich des Bildstabilisators zu ergänzen: Er muss deaktiviert werden, da er ansonsten versucht, dem Wischeffekt entgegenzuwirken. Ausnahmen bilden Objektive wie das Canon EF-S 55-250 mm 1:4-5,6 IS II oder Nikkor AF-S VR 70-300/4,5-5,6 G IF-ED. In ihnen wurde eine Automatik eingebaut, die den Bildstabilisator ausschaltet, sobald ein Kameraschwenk in horizontaler oder vertikaler Richtung erfolgt. Auch einige Kameras berücksichtigen solche Schwenks.

Besondere Tricks

Experimentierfreudige Fotokünstler nutzen weitere Verfahren, um verblüffende Werke zu erzeugen.

  • Einen vergleichbaren Wischeffekt erhalten sie, wenn die Kamera etwa am Kotflügel eines Autos oder der Lenkgabel eines Mountainbikes befestigt wird. Dadurch erscheinen zumindest Teile des Gefährts scharf, während die Umgebung in Bewegungsrichtung verschwimmt.
  • Fast schon für Stuntmen ist der nächste Trick: Sie bewegen sich mitsamt einer Kamera parallel zum fahrenden Motiv. Es ist wohl müßig zu erwähnen, dass solche Fahrmanöver risikoreich sind.

Trotz aller Hilfen kosten solche Aufnahmen viel Geduld und Optimismus. Doch das Ergebnis ist es wert – selbst wenn es nur die eingerostete Hüfte lockerer macht.