Praxis

Eileen Jaworowicz - Lois Greenfield Photography Moving Still

Scheinbar Schwerelos

Lois Greenfield muss in ihrem New Yorker Studio einen versteckten Schalter haben, der die Schwerkraft außer Kraft setzt. Anders sind ihre spektakulären Aufnahmen nicht zu erklären. Oder doch? FOTO HITS konnte der Fotografin ein paar Geheimnisse entlocken.

In ihrem Buch „Moving Still“ macht Lois Greenfield Szenen sichtbar, die dem menschlichen Auge eigentlich verborgen bleiben. Die im Bruchteil einer Sekunde abgelichteten Körper von Tänzern scheinen sich nicht um so etwas Profanes wie Naturgesetze zu scheren. Geradezu mühelos schweben sie umher. 

Die Bewegungsabläufe müssen von den Akteuren wieder und wieder vollführt werden, teilweise mit nur minimalen Abweichungen. Greenfield bittet ihre Models, einstudierte Choreografien zu vergessen. Sie will damit erreichen, dass sich die Tänzer freimachen von vorgegebenen Bewegungsabläufen, damit so ein experimenteller, kreativer Prozess in Gang kommt.

Bild
1999; Andrew Pacho; JVC Jazz; Lois Greenfield Photography; Moving Still

Tipp 1: Helfende Hände

„Ein Profi kann und muss nicht alles alleine machen. Um dieses Foto zu realisieren, war nicht nur vom Tänzer Andrew Pacho einiges gefragt. Knapp außerhalb des linken Bildrands verbarg sich ein Helfer, der den Kontrabass stabilisierte und schnell losließ, als Pacho im Sprung seine Hand am Bund hatte. Kurz darauf hechtete dieser Helfer wieder herbei und bewahrte das Instrument vor dem Umkippen. Man muss bei der Umsetzung seiner Ideen also nicht nur an das Motiv denken und das Model anleiten. Viele weitere helfende Hände müssen ebenso geführt werden. Die Aufnahme entstand 1999 nach nur wenigen Probeaufnahmen auf Polaroids. Ich legte danach den Film ein und machte dieses außergewöhnliche Foto.“

Lois Greenfield Photography; Moving Still; Paul Zivkovich;
Lois Greenfield Photography; Moving Still; Paul Zivkovich

Tipp 2: Perfektes noch verbessern

„Ein Markenzeichen der australischen Formation ,HELD‘ ist eine Reihe von Tänzern, die für den Bruchteil einer Sekunde synchron auf ihren Köpfen balancieren. Diese schwierige Pose konnte ich den Tänzer Paul Zivkovich nicht unendlich oft wiederholen lassen, da sie auf Dauer nicht nur sehr anstrengend, sondern auch schmerzhaft für ihn wird. Es ist schon schwierig genug, diesen Moment perfekt zu treffen, ich wollte der ganzen Szenerie aber noch etwas Besonderes hinzufügen. 

Die wie Planeten in einem kleinen Sonnensystem umherschwebenden Kugeln sind Styroporbälle, die von beiden Seiten hereingeworfen wurden. Es bedurfte einiger Versuche, sie im richtigen Winkel zu werfen, sodass sie einander nicht überlagerten. Obwohl das Gesamte in Echtzeit ein wahres Chaos war, verleihen die Bälle dem Bild eine einzigartige ­Ruhe.

Die Herausforderung bestand darin, dass die Bälle nicht die Beine und den Körper  unschön verdeckten. Man weiß im Vorfeld trotz aller Planung nie recht, was einen letztlich erwartet. Das Ergebnis überrascht mich dann immer wieder selbst. 

Ein schönes Flair erhielt die Szenerie durch die Ausleuchtung. Ein großer Scheinwerfer von oben, versehen mit einer Wabe, erhellte das Ganze als einzige Lichtquelle. Der dunkle, unbeleuchtete Hintergrund und der helle Boden erledigten den Rest. Das Hauptlicht von oben zauberte nicht nur harte Schatten auf das Model, es verlieh auch dem schwarzen Hintergrund einen angenehmen Verlauf.“

2005; KDNY; Leslie Ziff; Lois Greenfield Photography; Moving Still; Sheridan in Limbo
2005; KDNY; Leslie Ziff; Lois Greenfield Photography; Moving Still; Sheridan in Limbo

Tipp 3: Die Leere nutzen

„Der weiße Hintergrund soll in meinen Bildern nicht als einfache Leere dienen. Im Kontrast mit dem kunstvoll geschwungenen Körper und dem fliegenden Tuch unterstützt die Neutralität des Hintergrunds den Eindruck des Schwebens. Gemeinsam mit der Tänzerin Leslie Ziff sollte das Weiß so etwas wie eine unsichtbare Macht bilden, die sie zu unterstützen scheint. Sie soll wie auf einem Windhauch dahingleiten. 

Den Effekt der scheinbaren Schwerelosigkeit haben wir erreicht, als Leslie im Sprung eine Drehung vollführte. Währenddessen ließ sie die lockeren Teile ihres Kostüms los, die sie beim Absprung noch festhielt. Sie wurden durch die Drehbewegung von ihr weggeschleudert und sehen im Foto so aus, als würden sie schweben.“

Tipp 4: Stabilität finden

2002; Katarzyna Skarpetowska; Lois Greenfield Photography; Marty Lawson; Moving Still; Parsons Dance
2002; Katarzyna Skarpetowska; Lois Greenfield Photography; Marty Lawson; Moving Still; Parsons Dance

„Die beiden Tänzer Kate und Marty sehen auf diesem Foto aus wie eine Skulptur. Das Duett ähnelt zwar einer Statue, doch war die Entstehung alles andere als ein langwieriger bildhauerischer Prozess, sondern es war wieder meine schnelle Reaktion gefragt. Er trägt sie scheinbar mühelos mit seinem kraftvollen Arm, und sie wird von einer unsichtbaren Kraft nach oben gezogen.

In Wirklichkeit aber springt Kate und streckt nur für den Bruchteil einer Sekunde ihr Bein so aus, dass er sie berührt. Die Stabilität ist nur auf dem Foto zu sehen und war im Bruchteil einer Sekunde wieder vorbei. Tatsächlich ist der Moment, in dem das Bild entstand, der, als beide Tänzer gerade aus der Balance kamen. 

Ein Blitz mit Schirm als Reflektor strahlte von vorne und leuchtete alle wichtigen Details aus. Mehrere Blitzgeräte feuerten zudem von hinten, um den weißen Hintergrund zu erzeugen.“

Lois Greenfield Photography; Moving Still; Paul Zivkovich
Lois Greenfield Photography; Moving Still; Paul Zivkovich

Tipp 5: Stärken Optimal Einsetzen

„Die Reglosigkeit, die hier vom Model Paul Zivkovich ausgestrahlt wird, fesselt den Betrachter, denn offensichtlich ist nichts an der Szene ruhig. Die weißen und schwarzen Fäden scheinen am Körper zu zerren und die horizontale Lage sowie die Reflexion suggerieren einen Sturz ins Wasser.

Man fragt sich unwillkürlich, wie so ein Bild ensteht. Ist es um 90 Grad gedreht und das Model springt eigentlich? Gemäß dem Spruch ‚Hörst du Hufgetrappel, denk an Pferde, nicht an ­Zebras‘ – wie passend bei den schwarzen und weißen Bändern, die Paul um den Körper trug – ist es meist einfacher als man denkt: Das Bild zeigt nämlich genau das, was passierte. 

Paul war Turner bevor er eine Karriere als Tänzer einschlug. Er bringt eine perfekte Kombination aus Kraft, Körperbeherrschung und Gespür für einen Fotografen mit. Er legte sich auf eine Plastikscheibe, die bei Beleuchtung von oben zum Spiegelboden wurde. Dann katapultierte er seinen Körper mit einer kraftvollen Bewegung selbst in die Höhe, posierte ausdrucksstark und kam wieder auf. Die ihn umgebenden schwarzen Fäden wurden von einem Assistenten gehalten, der knapp neben dem linken Bildrand Position bezog. 

Ich habe viele Ideen, aber wie das Foto letztlich aussehen wird, weiß ich meist nicht. Solch magische Momente, wie der dieses Bildes, sind nicht wiederholbar.“

Eileen Jaworowicz; Lois Greenfield Photography; Moving Still
Eileen Jaworowicz; Lois Greenfield Photography; Moving Still

Tipp 6: Durch inspiration lernen

„Es ist nicht verwerflich, sich Inspirationen für seine Bilder zu holen – im Gegenteil. Dabei sollte das Motto aber nicht ‚Besser gut geklaut als schlecht selbst gemacht‘ sein. Etwas mehr Selbstvertrauen in das eigene Können braucht man schon. Das Ziel sollte sein, etwas Bekanntem einen eigenen, unverbrauchten Aspekt hinzuzufügen.

Mir war es zum damaligen Zeitpunkt nicht bewusst, aber die Zeit, die ich während meines Studiums in Florenz verbrachte, hat mich offensichtlich geprägt. 

Die Körperhaltung und das wehende Tuch auf dem Foto mit Tänzerin Eileen könnte man ebenso auf einem Ölgemälde in einer barocken Kirche wiederfinden. Ich erweiterte das Motiv um den am Boden liegenden Spiegel. Er verleiht dem Ganzen räumliche Tiefe und eröffnet dem Betrachter einen weiteren Blickwinkel als den der Kamera. Leider wurde es dadurch für Eileen erheblich schwerer, da ihr Platz zum Landen kleiner wurde. Sie musste einen weiteren Sprung als geplant machen, wodurch aber wiederum mehr Dynamik entstand. Sie trug nur einen hautfarbenen Gymnastikanzug. Um mehr Farbe ins Spiel zu bringen, gab ich ihr kurzerhand meinen Winterschal. Farblich passte er genau zu der barocken Anmutung.“

Australian Dance Theatre - Craig Bary - Lois Greenfield Photography Moving Still - Paul Zivkovich

William A. Ewing, Lois Greenfield: Moving Still. Thames & Hudson 2015, Hardcover, 224 Seiten, Englisch,  ­ISBN: 978-0-500-51803-8,  Preis: ­ca. 59 Euro