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Farblose Schönheit

Schwarzweiß – Besinnung auf die Reize einer alten Geliebten

Mit der Einführung der Farbfilme in den 1930er Jahren wurde die Fotografie revolutioniert. Auf einmal hatten Fotografen eine Wahl zu treffen. Vor derselben Wahl stehen sie auch heute noch: Farbe oder Schwarzweiß. Für viele ist sie gleichzeitig zu einer Wahl zwischen digitaler und analoger Fotografie geworden. Was macht den Reiz des Schwarzweißen aus? Wie folgt man ihm digital? Und warum bevorzugt manch einer immer noch den analogen Weg? 
Eine Übersicht über heute noch erhältliches Filmmaterial gibt unser Artikel "Aktuelle Analogfilme".

Foto: Mehmet Salih Guler
Zeitzeugnis, Unikat und Handarbeit – Begriffe, die man eher mit Ergebnissen aus der Dunkelkammer assoziiert, als mit digitaler Nachbearbeitung. Foto: Mehmet Salih Guler

Einsteigertipps für die Schwarzweißfotografie

  1. Schnupperkurs in der Dunkelkammer
  2. Dann digital fotografieren und in Graustufen denken lernen
  3. Als erfahrener Fotograf mit eigenem Stil kann man schließlich eine Entscheidung für oder gegen die Arbeit in der chemischen Dunkelkammer treffen und gegebenenfalls analog und digital miteinander verbinden.
Dorothea Lange „Migrant Mother“
Dorothea Langes Aufnahme der „Migrant Mother“ aus dem Jahr 1936 zählt zu den bekanntesten Schwarzweißporträts des letzten Jahrhunderts (Bild: Library of Congress, Washington).

Schwarz-Weiß analog

Gerade die Arbeit in der Dunkelkammer macht den Reiz der analogen Schwarzweißfotografie aus. Nur hier erlebt man die Entstehung eines fotografischen Abbildes als zeitloses kleines Wunder der Kulturgeschichte. Zögerlich nimmt ein Gesicht Konturen an, während das Fotopapier in der Entwicklerwanne gebadet wird. Das künstliche Abbild kann verwirren, in Spannung versetzen, aufklären oder ein Gefühl der Anteilnahme hervorrufen. Diesem Wesen der Fotografie geht man in der Dunkelkammer wie sonst nirgends auf den Grund.

Auf die Arbeit in der Dunkelkammer verzichten deshalb nur wenige analoge Schwarzweißfotografen, darunter einige Reportagefotografen. Sie senden belichtete Schwarzweißfilme mitunter direkt an den Auftraggeber, um ihm die unverfälschte Glaubwürdigkeit ihres Bildmaterials zu demonstrieren. Jeder andere Fotograf wird von den mannigfachen Möglichkeiten der manuellen selektiven Nachbehandlung Gebrauch machen wollen.

Während der Essiggeruch des Säurebades noch mühsam mit einer gesunden Ernährungsweise assoziiert werden kann, sind Fixierbad und besonders die  Entwicklerflüssigkeit giftig. Das Fotopapier sollte daher unbedingt mit Klammern von Wanne zu Wanne geführt werden. Laborhandschuhe sind zusätzlich zu empfehlen.

Film und Papier

Die Gestaltungsmöglichkeiten beginnen bereits mit der Körnung und dem Kontrastverhalten des Films. Dies spielt eine entscheidende Rolle für die spätere Bildwirkung. Das Filmkorn verleiht dem Foto eine zusätzliche Dimension, lässt es griffig strukturiert und organisch wirken. Der entsprechende Effekt lässt sich digital nur schwer simulieren. Höherempfindliche Emulsionen haben in der Regel auch das prägnantere Korn. Die Größe des Kornes kann zudem mit der Entwicklung gezielt beeinflusst werden, weshalb viele Schwarzweißfotografen ihre Filme nicht an einen Entwicklungsservice geben.

Dazu steht dem Schwarz-Weiß-Fotografen die Möglichkeit offen, den Helligkeitswert verschiedenfarbiger Flächen gegeneinander zu verschieben. Besonders gerne wird das Himmelsblau verdunkelt, damit Landschaftsbilder eine dunkle Hintergrundfläche erhalten, vor der die wichtigen Bildelemente dem Auge näher treten. In der analogen Schwarzweißfotografie werden farbige Vorsatzfilter aus Glas auf das Kameraobjektiv geschraubt, um diesen Effekt hervorzurufen. Beliebt ist beispielsweise der Rotfilter, weil er den blauen Himmel relativ stark abdunkelt. Darüber hinaus ist er in der Lage, Hautrötungen zu kaschieren, denn die im Motiv enthaltenen farbigen Bereiche, die der Filterfarbe am meisten ähneln, werden in der Graustufenwiedergabe auch besonders aufgehellt erscheinen.

Ebenso wichtig ist die Papierwahl: Es stehen verschiedene Gradationsstufen zur Verfügung. Mit der Gradation wird der Kontrast des Abzuges bestimmt. Harte Gradationen steilen den Kontrast auf, weiche schwächen ihn ab. Die Wirkung faltiger Charakterköpfe beispielsweise lässt sich mit der Wahl eines harten Papiers verstärken, während ein weiches Papier dem Hochzeitsporträt seine duftige Milde verleiht.

Durch das so genannte Abwedeln lassen sich Bereiche selektiv aufhellen. Hierzu wedelt man während einer mehrsekündigen Belichtung mit einem Karton durch den Lichtkreis des Vergrößerers und hellt so das lichtempfindliche Fotopapier teilweise auf. Die ständige Bewegung ist erforderlich, damit die Kanten der Pappe nicht auf dem Abzug sichtbar werden. 

Nachdem das Papier fixiert und getrocknet wurde, kann es schließlich getönt werden, falls man ihm etwa eine bräunliche Tendenz verleihen will.

The Artist‘s Van
Mobile Imaging 1855: „The Artist‘s Van“ – die rollende Schwarzweiß-Dunkelkammer von Fotografie-Pionier Roger Fenton (Bild: Library of Congress, Washington).

Schwarz-Weiß digital

Was die Kontrolle über das Ergebnis angeht, sind die Vorteile des digitalen Verfahrens unbestreitbar:

  • Für die Bildwirkung wesentliche Festlegungen können jederzeit nach dem Erstellen der Aufnahme getroffen werden. Außerdem sind Änderungen reversibel. Dies gilt beispielsweise für die Effekte, die analog nur mit einem farbigen Vorsatzfilter am Objektiv zu erreichen sind.
  • Auf Vorsatzfilter kann man digital komplett verzichten. Voraussetzung ist eine Aufzeichnung im Farbmodus (idealer Weise im Raw-Modus), weil die Software zur Simulierung des Farbfiltereffektes später auf die Farbinformationen angewiesen ist.
  • Auch Abwedeleffekte lassen sich in einem Bildbearbeitungsprogramm perfekt simulieren. Die Vorschau am Bildschirm liefert eine zuverlässige Vorhersage des zu erwartenden Ausdrucks.
  • Ein perfekter Druck ist digital jederzeit reproduzierbar und kann neuerdings sogar auf Barytpapieren im Inkjetverfahren stattfinden. Wie das klassische Barytpapier ist das neuentwickelte lange haltbar und verfügt über einen großen Tonwertumfang.
  • Hinzu kommt ein gesundheitlicher Aspekt der digitalen Dunkelkammer: Die Sorge um Vergiftung gehört der Vergangenheit an. 

Der besondere Clou der digitalen Farbfilterung: Mittels der Ebenentechnik können verschiedene Filterungsvarianten einer einzigen Originalaufnahme zusammengesetzt werden. Darum wird jeder noch so konservative Dunkelkammergänger die Digitalfotografen beneiden. Wer zum Beispiel analog einen blauäugigen Menschen vor azurfarbenem Wasser fotografierte, der konnte mit einem Rotfilter das Wasser zur dunkleren Hintergrundfläche machen. Dann ging ihm aber gleichzeitig die bildwichtige Helläugigkeit flöten. Der Digitalfotograf kann nun unabhängig das Wasser verdunkeln und die Iris erhellen, ohne dafür auf zwei Auslösungen oder Vorsatzfilter zurückgreifen zu müssen.

Fazit

Man fühlt sich den Altmeistern der Fotografie unweigerlich näher, wenn Unikate aus der Dunkelkammer per Handarbeit entstehen, anstatt durch digitales Pixelschubsen. Gerade die unwiderruflichen Entscheidungen, die analog getroffen werden müssen, machen für manchen Fotograf den besonderen Reiz der Analogfotografie aus.

Für wen aber vorrangig zählt, was herauskommt, kann mithilfe des Computers Zeit und Geld sparen. Zudem erlebt ein Einsteiger eine viel steilere Lernkurve, als sie analog je möglich wäre.

Vorteilhaft ist hier eine Digitalkamera, die in einem Raw-Format aufzeichnet und zugleich über eine Graustufenvoransicht verfügt. Damit können aus einer einzigen digitalen Aufnahme mehrere miteinander kombinierbare Filterungsvarianten erstellt werden. In gewisser Hinsicht bietet die digitale Dunkelkammer also mehr kreativen Freiraum als die analoge.

Wer nun fürchtet, gleichzeitig auf zwei Hochzeiten zu tanzen, wird feststellen, dass sich "Analog" und "Digital" längst das Jawort gegeben haben. Zahlreiche Fotografen benutzen chemischen Film, scannen das Ergebnis und bearbeiten es dann digital nach.