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Alberto Díaz Gutiérrez

Che, erlöse uns

Zwei Fotos verklärten Ernesto „Che“ Guevara zur Erlösergestalt: Das unten rechts abgebildete und das seines aufgebahrten Leichnams, das an die Kreuzabnahme Jesu erinnert. Seine Jünger sehnten sich 1967 nach revolutionären Märtyrern und bekamen mit den Fotos zwei Ikonen. Die Aufnahme links triumphiert heute noch über die Vergänglichkeit, weil Kopiermaschinen sie weltweit verbreiteten. FOTO HITS deckt ihren Beitrag zur „Heiligsprechung“ auf.

Alberto Díaz Gutiérrez (Korda)
Bild: Alberto Díaz Gutiérrez (Korda). Die Widmung für eine „Mariana“ lautet: Ich möchte Dir etwas sehr persönliches schenken. Ich habe nichts besseres als dieses Foto. Ich hoffe, Du bewahrst es auf, es wird uns überleben.

Das Ausgangsmaterial für die Glorifizierung Che Guevaras bildete ein Schnappschuss. Laut seinem Urheber Alberto Díaz Gutiérrez (genannt Korda) entstand es mit viel Glück und ohne besondere Technik. Der damals 32-jährige Fotograf wohnte einer Kundgebung bei, die am 5. März 1960 in Havanna, der Hauptstadt Kubas, stattfand. Hochrangige Politiker, Prominenz wie Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre sowie 150.000 Teilnehmer hatten sich eingefunden, um getötete Revolutionäre zu betrauern. Etwas verspätet traf Che ein.

Korda sah den Comandante und zückte seine Leica M2. Da er ein 90-Millimeter-Objektiv benutzte, musste er nahe heran, von Che entstanden zwei Fotos im Abstand von 7,6 bis 9,1 Metern. Sie landeten auf dem Film Kodak Plus-X pan, was ein feinkörniges Schwarzweißbild ergab. Aus dem später berühmten Porträt schnitt er den ursprünglich raumgreifenden Hintergrund und einen Mann auf der linken Seite weg, um den Blick auf das Gesicht zu lenken. 

Tod und Verklärung 

Mit seinen Fotos ging Korda zum Verleger der Zeitschrift „Revolución“. Dieser wählte ein Bild des „Máximo Líder“ (Größten Führers) Fidel Castro aus, während das von Che lange Jahre auf seinen weltweiten Auftritt warten musste. Der kam, als er 1967 bei einem desaströsen Umsturzversuch in Bolivien erschossen wurde.

Der italienische Verleger Giangiacomo Feltrinelli (siehe FOTO HITS 12/2013) wollte Ches „Bolivianische Tagebücher“ veröffentlichen. Dafür suchte er eine Illustration, die er während eines Besuchs in Havanna bei Korda entdeckte. Dieser schenkte ihm als „Freund der Revolution“ zwei Abzüge – eine großzügige Geste, die fortan die Vermarktung des Werks bestimmen sollte.

Obwohl das Bild ungeheure Verbreitung fand und allein durch den T-Shirt-Verkauf Millionen einbrachte, sah Diaz keinen Dollar. Erstaunlicherweise machte er auch nie Ansprüche geltend. Er wusste, das er etwas erschaffen hatte, was kostbarer als Geld war. So schrieb er in der Widmung an eine Mariana, dass er ihr etwas schenke, das beide überleben werde. 

Dementsprechend unterstützte Korda die Verbreitung des Fotos und damit des Andenkens an den Revolutionär. Er klagte nur gegen den Wodka-Hersteller „Smirnoff“, weil er dessen Werbung mit dem Che-Foto für Alkohol als unmoralisch empfand. Die 50.000 US-Dollar Schadensersatz spendete er – dem Geiste Guevaras entsprechend – dem kuba­nischen Gesundheitssystem.

Frohe Botschaft

Dass Guevaras Foto an einen revolutionären Christus erinnert, ist ein Grund für seine Breitenwirkung und hinlänglich analysiert. In der Begeisterung werden oft andere Gründe ignoriert. Einer ist die durchgehende Verletzung von Urheberrechten.

Schon die erste Veröffentlichung in Europa verstieß gegen Kordas Rechte. Sie erschien in der französischen Wochenzeitung „Paris Match“ im Juli 1967. Dort schmückte das Foto den Artikel „Les Guerrilleros“ von Jean Lartéguy und im selben Jahr ein Buch mit dem gleichlautenden Titel – ohne Angabe des Fotografen. Dann bewarb Feltrinelli im Oktober 1967 das Buch mit Postern, die das Konterfei zeigten. Nonchalant kennzeichnete er die Drucke mit „© Libreria Feltrinelli“, ohne Korda zu erwähnen.

Den entscheidenden Schritt unternahm aber der Ire Jim Fitzpatrick. Er vereinfachte das Foto so, dass es problemlos vervielfältigt werden konnte. Seine Version bestand aus reinem Schwarz und Weiß vor rotem Hintergrund. Damit gab er noch vor der digitalen Revolution jedem die Möglichkeit, sein eigenes „Heiligenbild“ herzustellen. Die grafische Anmutung besaß zudem den Vorteil, dass sie wie jedes plakative Zeichen äußerst einprägsam war.

Fitzpatrick produzierte Tausende von Postern und verteilte sie gratis in London. Um den steigenden Bedarf zu stillen, gründete er sogar eine Firma und lieferte seine Produkte in ganz Europa aus. Wie Korda erhob er keinerlei Ansprüche auf das immerhin künstlerisch eigenständige Werk, sondern strebte eine möglichst ungehemmte Verbreitung an.

Mehr Geschäftssinn bewies der Pop-Art-Künstler Andy Warhol. Dessen Gehilfe Gerard Malanga kreierte ohne Wissen des Meisters eine Variante in Warhols bekanntem Siebdruck-Sti und verkaufte es als Original. Statt Malanga zu verklagen, erkannte es Warhol kurzerhand als eigenes Werk an und sicherte sich so sämtliche Einnahmen aus der Vermarktung.

Der Schnappschuss war zur Ware geworden. Von tieferer Bedeutung befreit konnte er ungehemmt zirkulieren. Heute benutzen ihn Rechtsradikale, Kapitalisten, Kommunisten oder Islamisten.