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Das Hindenburg-Inferno

Die Hölle erstmals live

Nur die Passagiere sahen zu, als die Titanic sank. Doch alle Welt konnte nach dem 6. Mai 1937 sehen, wie der Zeppelin „Hindenburg“ in einem Feuerball zerbarst. Mit diesem Ereignis begann ein Wettrennen der Bilder.

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Bild: US-Navy

Seit zehn Stunden war das Luftschiff D-LZ 129 überfällig. Endlich tauchte es geisterhaft aus dem Nieselregen auf.  Wie schwere Wassertropfen fielen einige Besatzungsmitglieder aus dem silbernen Zylinder. An langen Seilen landeten sie auf dem Boden, um das Luftschiff zu vertäuen.

Der Gigant kämpfte noch vier Minuten lang mit den Windböen. Dann züngelte am First der „Hindenburg“ fast unbemerkt eine kleine Flamme hoch. Sekunden später explodierten 190.000 Kubikmeter Wasserstoff. Wie ein Tier bäumte sich das Luftschiff vorne auf, um dann jäh zusammenzusacken. In 47 Sekunden war das Inferno vorbei, nur noch Wrackteile brannten. In den Flammen starben 13 Fluggäste und 22 Besatzungsmitglieder der 97 Menschen an Bord, ein Mitglied der Lande-Crew wurde durch Trümmer getötet (Film: archive.org).

Medium und Botschaft

Insgesamt 21 Fotografen, vier Kamerateams und ein Radiosprecher dokumentierten das Inferno. Ironischerweise hatten die Nationalsozialisten so viel Werbung für den „Stolz der Nation“ – so Propagandaminister Joseph Goebbels – betrieben, dass sein Verglühen umso mehr Zeugen hatte.

Die Reporter Sam Shere und Murray Becker benutzten die Kamera „Speed Graphic“, wie das Buch „Bilder, die Geschichte schrieben“ (Vandenhoeck & Ruprecht 2011) bezeugt. Shere machte mit ihr zwei Bilder. Da sie zu langsam bedienbar war – schließlich hatte er nur 47 Sekunden Zeit – wechselte er zu seiner Leica. Becker schaffte in dieser Spanne fünf Aufnahmen und zehn vom ausbrennenden Wrack. Angesichts ihrer ähnlichen Versionen plus den anderen ist der Urheber so wie beim Motiv rechts oft nicht zuzuordnen.

Die neuen Medien bemächtigten sich des Unglücks: Am 23. Mai 1937 titelte der Sunday Mirror: „Nur die Fotografie in natürlichen Farben konnte dieses Spektakel reproduzieren.“ Und das LIFE Magazine nutzte eine Aufnahme von Sam Shere im April 1938, um für die Eastman Kodak Company zu werben. Unter anderem hieß es dort: „Das Foto, das deutlich die Silhouette des Mannes am Anlegemast gegen den Feuerball abhebt, besitzt die ungewöhnliche, erstaunliche Qualität, die nur eine große Katastrophe erzeugen kann. Aufgenommen auf einem Eastman Film.“ 

Neuer Datenhighway

Schon am nächsten Tag prangten in allen New Yorker Zeitungen Bilder der Katastrophe. Eine Woche später folgte die europäische „Berliner Illustrirte Zeitung“ (BIZ). Nach dem Ausfall der einzigen Luftbrücke hätte zwar ein Passagierschiff wie die „RMS Queen Mary“ die Strecke von New York nach Southampton in knapp vier Tagen geschafft, doch fuhr sie nicht täglich.

Stattdessen kam ein Verfahren zum Einsatz, das bereits ab 1872 existierte, die telegraphische Bildübertragung. Im Jahr 1906 lieferte sie in etwa 15 Minuten eine druckfähige Qualität, 1923 konnte erstmals ein Foto über den Atlantik von Rom nach New York gesendet werden.