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Ausstellung: Helmut Newton

Beherrscher der Bildwelt

Helmut Newton (geboren 1920, gestorben 2004) liebte es zu provozieren. Obwohl er als Jude 1938 aus Deutschland fliehen musste, bewunderte er die Nazi-Propagandistin Leni Riefenstahl – was ähnlich töricht ist, wie Hitler für die Autobahnen zu loben. Auch dass er Frauen an eine Werkstattwand hing, als wären sie Autoersatzteile, ist unbedingt als widerwärtig zu beurteilen. Trotzdem darf man ihm posthum zum hundertsten Geburtstag gratulieren. Warum das so ist?

Zuerst einmal ist festzustellen, dass er intelligent genug war, Riefenstahls Nazi-Sujets „beschissen“ zu finden, wie er im Interview mit der Zeitung „Welt“ bekannte. Zudem verfügte er über genug Selbstironie, sich mit Damen-Stilettos abzulichten, was kein humorbefreiter Anti-Feminist über sich bringt. Folglich ist festzustellen: Newton war moralisch zweifelhaft, was Frauen und Faschismus anging. Darüber hinaus stand er jeglichen gesellschaftlichen Regeln zweifelnd gegenüber.

Diese radikale Skepsis geht über die Einzelperson hinaus. Sie kennzeichnet ihn ganz und gar als Kind einer Zeit, in der der Nationalsozialismus jede Moral umgekehrt hatte. Die Philosophin Hannah Arendt drückte es so aus: Grundlegende menschliche Werte waren austauschbar geworden, als wären sie nur Tischmanieren. Diejenigen, die ihre Mitbürger ausrotteten, taten dies ebenso sorgfältig wie frei von jeder Heuchelei. In ihrem Zynismus hielten sie es nicht für nötig, göttlichen oder menschlichen Geboten irgendetwas vorzutäuschen. Anders als manche Mitmenschen hatte der Fotograf Newton dieses moralische Vakuum sehr genau begriffen.

Einerseits war Newton selbst frei von jeglichen Illusionen: Als er 1975 pelzbewehrte Models samt Schäferhunden vor einem Wachhaus paradieren ließ, brachte er unverblümt Machtverhältnisse zum Ausdruck, die jeder zumindest erahnt, aber gerne die Augen davor verschließt: Newtons Aufnahmen geben die Verbindung von Erotik, Technik, Mode, Geschichte, Aggression und Unterwerfung wieder, was sie verständlicher als jede postmoderne Streitschrift leisten. Um zu diesem Schluss zu kommen, muss man keine Bildanalyse durchführen. Der Fotograf selbst bekannte gegenüber dem Magazin „Spiegel“ im Jahr 2000, wie stark er an sexueller, finanzieller und politischer Macht interessiert sei.

Andererseits bekämpfte er Heuchelei mit der Kamera als Waffe. Er zeigte dem Betrachter, was sich auf den Schlachtfeldern der Moderne abspielte. Die Wortwahl mag martialisch klingen, doch folgt sie dem Stil des Fotografen. Die „Big Nudes“, riesige Aktfotos, hießen ursprünglich „Sie kommen – dressed“ und „Sie kommen – undressed“. Sie sollen einen Warnruf eines Deutschen im 2. Weltkrieg wiedergeben, als er die Alliierten angreifen sah.

 Es wäre allerdings verfehlt, in Newton eine Art Kriegsberichterstatter des Laufstegs zu sehen. Der zynische Kommentator war nur eine seiner Rollen. Daneben spürte er der Schönheit nach, wo sie in Konsum, Herrschaft und jeglicher Geschlechterspannung aufleuchtete. Ihre Erscheinungsformen erforschte er mit allerhand Stilmitteln: Newton arbeitete mit Polaroids, Röntgenstrahlen und Bildschirmfotos. Wenig bekannt ist, dass er neben Motiven aus den Genres Mode und Porträt auch Blumen und Landschaften ablichtete. Doch ihm zufolge wollte die niemand sehen. Jetzt wäre die Zeit dafür gekommen, um das Bild eines Jahrhundertfotografen zu komplettieren. Das ist umso angesagter, als seine Aufnahmen nach wie vor polarisieren – eine Auszeichnung für jeden Künstler. Zu Recht ist diskussionswürdig, ob etwa seine „Big Nudes“ eher die Macht der Frauen und die Ohmacht des (männlichen) Betrachters bezeugen. Kurz: Helmut Newtons Werk erzählt auch zu seinem hundertsten Geburtstag eine komplexe Geschichte.

Die Ausstellung „Helmut Newton“ in Wedel zeigt nahezu alle Fotoseiten des Bildbands SUMO in Originalgröße. Ein Exemplar des auf 10.000 Exemplare limitierten Riesenformats wurde auf einer Benefizgala für 620.000 D-Mark versteigert.

Ernst-Barlach-Museum Wedel, bis zum 29. November 2020


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