Erstellt von FOTO HITS-Redaktion
| Kategorien:  Literatur  

Fotobuch: Greg Gorman

It‘s not about me

Wer Gormans Glamour-Porträts für schönen Schein hält, übersieht den Kern der Fotografie. Ihr Basismaterial ist immer eine Oberfläche, ob es sich nun um Hauttöne oder ein Image handelt. Gorman schaffte es jedoch, daraus eine intensive Beziehung zu den Stars und deren Publikum zu entwickeln. Ein Bildband zeigt, wie seine Kunstfertigkeit über 50 Jahre hinweg die Filmwelt verführte.

Wie jung und schön sie alle waren: Matt Dillon, Johnny Depp, Hugh Jackman und all die anderen Hollywood-Größen. Greg Gorman hat ihre strahlende Jugend auf ewig konserviert. Kein Wunder, dass der Regisseur John Waters im Nachwort schreibt, dass nur Gorman seine Leiche fotografieren dürfe. Denn er wäre der einzige Fotograf, der sie lebendig wirken lasse. In der Tat bezeugt er immer wieder die Macht des Lichtbilds, in Sekundenbruchteilen die Zeit zu besiegen.

Die Liste schillernder Persönlichkeiten, die im Buch versammelt sind, ist schier endlos. Vor allem Jungstars aus den 1980er- und 1990er-Jahren sind stark vertreten. Sie alle liebten es, sich von Gorman fotografieren zu lassen, und seine Kamera liebte sie. Neben ihnen bestätigten Legenden wie Elton John etwa in seiner Laudatio, dass er es eigentlich absolut nicht ausstehen könne, porträtiert zu werden. Die einzige Ausnahme, die er jemals machte, sei Greg Gorman gewesen. Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens konnte der Fotograf zwar nachdrücklich fordern, dass etwa John Waters seinen faltigen Truthahnhals strecken solle. Aber solche freundschaftlichen Frotzeleien dienten nur einem Zweck: Diejenigen vor der Kamera im bestmöglichen Licht zu zeigen. Darüber hinaus überließ er ihnen die Kontrolle über das Bild, was sie ihm mit viel Vertrauen dankten. Der zweite Grund war, dass Gorman, wie Waters sagte, berühmte Leute selbst dann verführerisch aussehen ließe, wenn sie es nicht sind.

Diese Wirkung verdankten die Models insbesondere der perfekten Lichtführung. So lässig Gorman manchmal mit Geschlechterrollen spielt, so präzise ist er bei der Beleuchtung. Sie verleiht deren Haut einen Schimmer, der perfekt zum Hollywood-Glamour passt. Interessant für alle Fotografen ist in dem Zusammenhang, wie Gorman aus seinem riesigen Fundus die Buchauswahl traf. In einem kritischen Rückblick flogen alle allzu gefälligen Kompositionen heraus: wenn sie zu sehr auf die High-Key-Wirkung setzt, das Haarlicht zu hell eingestellt war oder zu viele Details in den Schatten erkennbar waren. Richtig gelesen: Anders als mancher Ansel-Adams-Zonensystem-Fanatiker wollte er manchmal weniger Tonwerte, denn Schatten sollten seiner Meinung nach ein Gesicht einrahmen, nicht bloßlegen.

Neben der virtuosen Lichtregie dürfte Gormans Naturell ihm manche Türen geöffnet haben. Am Anfang seiner Karriere etwa fotografierte er ein Konzert der Byrds. Er freundete sich mit dem Drummer an, der ihm sogar sein Haus überließ, während die Band auf Tour war. Die Redaktion FOTO HITS hatte ihn bereits mehrfach interviewt, etwa in der Reihe „Meine erste Kamera“. Obwohl er ein internationaler Star-Fotograf ist, blieb er stets großzügig, freundlich und hilfsbereit.

Wer ein Star wie Gorman sein will, muss neben dem Handwerk auch Lebenserfahrung und ein gewinnendes Wesen mitbringen. Oder wie Gorman im Buch zitiert wird: „Man lernt die Fotografie nicht aus Buchtexten … sie ist praktische Erfahrung. Man muss in die echte Welt hinausgehen und den Sprung ins kalte Wasser wagen.“

Der Bildband enthält vor allem Werke aus den 1980er- und 1990er-Jahren. So wie Gorman die Fotos von George Hurrell, Irving Penn, Richard Avedon und Helmut Newton studierte, um besser zu werden, können Porträtfotografen von dieser Sammlung lernen, wie Humor und Licht eine wunderbare Leichtigkeit erzeugen.

Greg Gorman: It’s Not About Me. teNeues 2020, 416 Seiten, Hardcover, Englisch, ISBN 978 3 96171 275 5, Preis: 80 Euro


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