Erstellt von FOTO HITS-Redaktion
| Kategorien:  Literatur  

Hormon-Doping

Anne Geddes: Small World

Schwangerschaften führen zu unkontrollierbaren Stimmungsschwankungen – bei Mann und Frau. Ein Anzeichen hierfür ist, dass Paare, die zuvor die Fotos von Anne Geddes kitschig fanden, unter Tränen der Rührung in einem ihrer Bildbände blättern. Die 1956 geborenen Fotografin fährt aber auch alles auf, um die Glückshormone zu stimulieren: Neugeborene in Koala-Kostüm , als Bienchen, Blüte oder in einem Vogelnest schlummernd.

Man kann zwar Babys in Blumentöpfen belächeln, doch darf die technische Seite durchaus gewürdigt werden. Schließlich muss ein Fotograf den Cocktail aus Östrogenen und Endorphinen erst einmal in Bilder umsetzen, und das können nur wenige so erfolgreich wie Geddes. Bei „Small World“ setzt sie neben zahllosen Requisiten auch ihre Farbpalette und die Ausleuchtung sehr bewusst ein. All dies schafft es tatsächlich, Gefühle so reibungslos wie ein mit Babyöl geschmiertes Fließband zu transportieren. Zudem zeigt die im Bildband „Small World“ versammelte Bildauswahl aus mehreren Jahrzehnten, dass schon vor „Adobe Photoshop“ zahllose Effekte möglich waren, um Montagen, duftige Farbverläufe und mannigfaltige Unschärfevarianten zu erzeugen.

Als Henri Cartier-Bresson sagte, dass Fotografieren bedeute, Verstand, Auge und Herz auf eine Linie zu bringen, dachte er vermutlich nicht an niedliche Baby-Fotos. Doch auch hier verfehlt diese geradlinig verfolgte Idee nicht ihr Ziel. Wer allerdings nicht gerade Eltern wird, leidet nach dem Durchblättern unter leichtem Zuckerschock.

 

 


Anzeige