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La Gacilly-Baden Photo 2022

Mehr Raum für Fotos

Bilder wollen nicht nur bestaunt werden. Nachdem sie allzu sehr Kunstobjekte wurden, sollte man wieder unverkrampft über sie reden. Dafür eröffnet das Festival in Baden bei Wien beeindruckende Freiräume. In ihnen beobachtete FOTO HITS die zweitwichtigste Komponente des Festivals – die Besucher.

Anno 1951 erhielt das Foto seinen Ritterschlag: Im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) stellte es die „Family of Man“ vor, also die Menschheit als eine Familie. Diese Ausstellung adelte das Lichtbild offiziell zur Kunstform. Zuvor galt es eher als Handwerk, das das Volk unterhielt oder blitzlichtartig informierte.

Sein Aufstieg war begrüßenswert, doch tat er dem Medium nicht nur gut: Die Fotografie verlor in den Kunstpalästen etwas den Kontakt zur Straße. In Baden bei Wien kamen die beiden besten Seiten wieder zusammen: In einer noblen Umgebung waren Spitzenbilder jeder und jedem frei zugänglich.

Gedanken gehen spazieren

Im Festival La Gacilly – Baden Photo ist die große Kunst allgegenwärtig. Die Bezeichnung verdient sie sich bereits aufgrund der Formate. Die Fotos präsentieren sich auf riesigen Stellwänden oder auf Häuserwänden. Doch das Ambiente ist keineswegs weihevoll: Kinder tollen herum, während Erwachsene ungezwungen darüber plaudern, was sie fühlen.

Als Redakteur spitzt man berufsbedingt die Ohren, was Volkes Stimme meint. Ein Ehemann sagte angesichts von Jonas Bendikson „Big Melt“: „Ich kann den Sch… mit dem Klimawandel nicht mehr sehen.“ „Aber die Aufnahmen sind kraftvoll“, widersprach die Frau. „Touristen, die vor schmelzenden Gletschern posieren – irgendwie pervers.“

Vor der Fotogruppe „130 Kilometer bis Atlantis“ von Imane Djamil, die ziemlich am Anfang der Ausstellungs-Strecke steht, spazierten eine Einheimische und ihre Freundin. Sichtlich stolz wies sie auf die rätselhaften Inszenierungen hin. Ihre auswärtige Freundin war begeistert: „Ich dachte, das wäre alles in Galerien. Und es ist sogar kostenlos. Lass uns alles sehen.“ Überall in den Gärten, Lauben und Gassen sah man weitere Menschen vor den Werken stehen, mal stumm, mal laut, aber immer berührt von den Motiven.

Bei den Stars des Festivals überraschte die Ergriffenheit kaum. Ragnar Axellson ist mit seinen Fotos von arktischen Jägern weithin bekannt, ebenso ist Nick Brandt als Naturfotograf fast schon legendär. 

Der Fotograf Gerd Ludwig erläutert, wie Nick Brandt Elefanten und Löwen sowie kenianische Bürger gemeinsam inszenierte. Nick Brandt selbst meldete sich bei der abendlichen Diskussionsrunde noch live aus den USA zu Wort.
Der Fotograf Gerd Ludwig erläutert, wie Nick Brandt Elefanten und Löwen sowie kenianische Bürger gemeinsam inszenierte. Nick Brandt selbst meldete sich bei der abendlichen Diskussionsrunde noch live aus den USA zu Wort.
Voller Wärme erzählte Ragnar Axelsson von den Jägern in arktischer Kälte. Für eine Aufnahme opfert er fast die Finger, die sich zunehmend Dunkelblau färbten. Bild: Dirk Hartmann
Voller Wärme erzählte Ragnar Axelsson von den Jägern in arktischer Kälte. Für eine Aufnahme opfert er fast die Finger, die sich zunehmend Dunkelblau färbten. Bild: Dirk Hartmann

Botschaften aus dem peruanischen Urwald

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Die reichen Industrieländer hatten Corona dank der Impfungen bald halbwegs im Griff, doch unzählige Indios starben ohne die nötige Medizin. Florence Goupil berichtete, wie sie sich selbst organisierten.

Erfreulich ist, dass auch ungewöhnliche Themen in Baden ihre Zuschauer und -hörer finden. Beim Presserundgang standen die Fotografinnen und Fotografen vor ihren Werken und erklärten, wie sie entstanden. Obwohl nach zwei Stunden die Journalistinnen und Journalisten zunehmend zerstreut wirkten, schlich sich manches Motiv unmerklich zur Netzhaut und die Geschichte dahinter ins Herz.

Als Florence Goupil von den Indigenen in Peru berichtete, die hilflos der Corona-Epidemie ausgeliefert waren, wurde jedem deutlich, dass sie mehr als nur eine weitere Covid-Reportage abgelichtet hatte. Nachdem die Kranken vor den überfüllten Krankenhäusern starben, organisierte das Volk der Shipibo-Konibo einen Gesundheitsdienst, der traditionelle und westliche Heilmethoden nutzte. Das Leid ebenso wie die Kraft dieser Menschen ließen vermutlich nur wenige der zahllosen Besucher unberührt. 

Verborgenes Wachstum

Erfreulicherweise fanden sich in auf dem Rundgang nicht nur die großen Themen, sondern auch Kleinode, denen man normalerweise kaum Beachtung schenkt. In einem wundervollen Rosengarten wartete etwa die Perspektive einer Ameise auf Entdeckung. Tine Poppe nutzte das Kameraauge, um eine Wiese als riesigen Urwald zu erkunden.

Brieuc Weulersse wiederum beackerte das wenig glamouröse Feld der wissenschaftlichen Fotografie. Trotzdem brachte ein Gegensatzpaar den Redakteur zum Schmunzeln: In einen Bild sah man akkurat aufgereihte Blumentöpfe mit Testpflanzen, im anderen deren Ende: umgestürzte Töpfe und Erde, die die Wissenschaftler noch nicht weggeputzt hatten. Es erzählt viel über die Laborsituation, die wiederholbare Resultate isolieren will. Am Ende fällt die Logik in sich zusammen und das Chaos gewinnt. Der Künstler selbst sagte freilich zur Interpretation: 

„Ich habe die Bilder nie so betrachtet. Danke, dass Du ihnen eine neue Bedeutung gibst.“ Gern geschehen. Den Tausenden von Besuchern fielen sicher noch spannendere Gedanken dazu ein, und nur darauf kommt es an. Neben den Fotografen und Fotografinnen machen sie das Festival aus.

Das Festival La Gacilly-Baden Photo steht bis 16. Oktober 2022 offen. Seine 30 Ausstellungen widmen sich unter dem Titel „Nordwärts!“ verschiedensten Aspekten der Beziehung zwischen den Menschen und ihrer Umwelt.

Das Festival erstreckt sich über sieben Kilometer Länge, aufgeteilt in eine Garten-Runde und eine Stadt-Runde, ausgehend vom Besucherzentrum am Brusattiplatz. Integriert in den öffentlichen Raum sind heuer zirka 1.500 Fotografien zu sehen, manche bis zu 280 Quadratmeter groß.

Das größte Outdoor-Fotofestival Europas zog bereits 2021 ungefähr 282.600 Besucher und Besucherinnen an. Der Eintritt ist frei.

https://festival-lagacilly-baden.photo