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Leica versus Leica

In Berlin unterwegs mit dem Huawei P10

Der Graben zwischen den Smartphone-Fotografen und Traditionalisten scheint unüberwindbar. FOTO HITS wollte wissen, wie tief er tatsächlich ist, und schickte zwei Fotografen auf Tour: Der eine benutzte dabei ein Huawei P10, der andere eine Leica Q. Ihre Erfahrungen zeigen, dass manche Abgrenzungsversuche mittlerweile überflüssig sind.

FOTO HITS will die Diskussion zwischen Smartphone- und Kamera-Nutzern in vernünftige Bahnen lenken. Dafür unterzog die Redaktion eines der derzeit besten Mobilgeräte, das Huawei P10, mehreren Prüfungen: im Labor, unter Studiobedingungen und in einer Dokumentation über „Street Photography“. Mit Michael Schulz stand ein weiterer erfahrener Tester bereit. Er gehört zu den hundert am besten im Internet vernetzten Fotografen der Welt und weiß zudem aus Erfahrung, welche Qualitätsansprüche Firmen an eine Aufnahme stellen.

Als besondere Herausforderung begleitete Schulz ein Fotograf mit einer Leica Q, die dank Vollformatsensor unter den Kompaktmodellen eine Spitzenstellung einnimmt. Immerhin haben sie gemeinsame Wurzeln: Das Huawei P10 verfügt über eine in Kooperation mit Leica entwickelte Dual-Kamera. Daher ist sie neben anderen Vorzügen mit einem RGB-Sensor mit zwölf Megapixel und einem Monochromsensor mit 20 Megapixel ausgestattet, der außergewöhnliche Schwarz-Weiß-Fotos liefert.

Die Aufgabe: Beide Fotografen sollten jeweils das gleiche Motiv ablichten und einschätzen, wie sich das Smartphone schlägt. 

Huawei P10
Huawei P10
Leica Q
Leica Q

Grenzenlos

Man sollte meinen, dass beim Treffen eines Leica- und eines Smartphone-Fotografen sofort gelästert wird. Doch gilt das möglicherweise nur für eine Generation, für die diese Technik irgendwann einmal neu war. Unter den Jüngeren, zu denen Schulz und sein Begleiter gehören, haben sich die Grenzen längst aufgeweicht. Laut dem Social-Media-Experten war dementsprechend die Reaktion des Leica-Fans auf die Huawei P10 durchweg positiv.

Der Werdegang der beiden erklärt einiges über die heutige Fotoszene: Schulz reist im Auftrag von Firmen rund um die Welt, wobei er gleichzeitig seine zahllosen Follower in den sozialen Medien beliefert. Daher benutzt er je nach geforderter Bildauflösung beide Kameraklassen, wobei er den Schwerpunkt auf Smartphones legt. Auftraggeber von Luxusapartments auf Mauritius etwa konnte er durchgängig mit Smartphone-Bildern überzeugen, für Porsche wiederum entstanden Aufnahmen mit einer High-End-SLR. Dagegen setzt sein fast gleichaltriger Begleiter etwa für Porträts den Schwerpunkt auf größere Kameras, zückt aber durchaus gerne einmal sein Smartphone mit Kamera.

Huawei P10: Das Bild zeigt extreme Kontraste wie dunkles Laub, hellen Himmel und dazwischen zahllose Tonwerte. Sogar einige hochwertige Kameras wären davon überfordert, doch das Smartphone hat sogar noch etwas blauen Himmel erhalten.
Huawei P10: Das Bild zeigt extreme Kontraste wie dunkles Laub, hellen Himmel und dazwischen zahllose Tonwerte. Sogar einige hochwertige Kameras wären davon überfordert, doch das Smartphone hat sogar noch etwas blauen Himmel erhalten.
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Leica Q: Die Farbsättigung war bei der Kamera auf „high“ gestellt, daher ist sie überbetont (mit „Kräftige Farben“ hat das Huawei P10 eine vergleichbare Funktion). Im Gesicht des Ruderers sind mehr Details auszumachen.

Als einen wesentlichen Vorteil von Smartphones im Allgemeinen und dem Huawei P10 im Besonderen sieht Schulz das geringe Gewicht. Dessen 145 Gramm machen einen deutlichen Unterschied zum Zubehör rund um seine Spiegelreflexkamera, die er sich nach den ersten fotografischen Gehversuchen in seiner Kindheit zugelegt hatte. „Ich schleppe mittlerweile einen kompletten Rucksack mit Ausrüstung und Objektiven herum. Oft bin ich dann zu faul, alles auszupacken und schieße mein Motiv per Smartphone. Die qualitative Entwicklung in den letzten Jahren ist schließlich atemberaubend.“

Als zweiten großen Bonus sieht Schulz die einfache Bedienbarkeit. „Sie ist kinderleicht, sodass man einen Moment schnell einfangen kann, was mit einer Kamera und ihren vielen Einstellungen nicht zu schaffen wäre“, sagt der Fotograf. Besonders praktisch fand er, dass die Kamerafunktion ohne Umweg einsatzbereit sei – man müsse im Ruhemodus nur zweimal auf den Lautstärkeschalter tippen.

Die sonstigen Kamerafunktionen probierte Schulz zwar durch, etwa die Zeitlupenaufnahmen oder Beauty-Modi. Doch wechselte er bald wieder in den Automatik-Modus, da er gerade darin die Vorzüge eines Smartphones sah: Man bekäme „out of the box“ hervorragende Ergebnisse. Aus demselben Grund nutzte er auch nicht die Raw-Daten, die das Huawei P10 bereitstellt. Eigentlich kann man aus ihnen etwas mehr Bildqualität herauskitzeln, doch die ausgezeichneten Ergebnisse im Format JPG können sich Schulz zufolge „wirklich se­hen lassen“. Weitere Pluspunkte sind seiner Ansicht nach:

  • „Um gute Bilder zu erzielen, waren für mich nur der Fokus- und die Belichtungseinstellung wichtig. Sehr praktisch fand ich etwa, dass ich nur mit dem Finger wischen muss, um die optimale Belichtung oder Fokusart einzustellen, den Schärfepunkt setzt ein Fingertipp. Das erspart mir viel Nachbearbeitung.“
  • „Ebenfalls sehr gut klappte die Objektverfolgung, die ich bei einigen Fußgängern ausprobiert habe.“ 
  • Um Arbeits- und Privatleben zu trennen, kann man sich bei zwei WhatsApp- oder Facebook-Konten gleichzeitig anmelden. „Die Funktion nutzen vielleicht nur wenige, aber sie ist nice-to-have.“
Huawei P10: Das Gerät neigt zu vorsichtiger Belichtung. Mit einer der drei Belichtungsmodi (Matrix, mittenbetont, Spot) lässt sie sich rasch jeder Situation anpassen.
Huawei P10: Das Gerät neigt zu vorsichtiger Belichtung. Mit einer der drei Belichtungsmodi (Matrix, mittenbetont, Spot) lässt sie sich rasch jeder Situation anpassen.
Leica Q: Hier fällt als Hauptunterschied wieder die erhöhte Farbsättigung auf, die Belichtungsmessung erfolgte in beiden Aufnahmen mit vergleichbarer Einstellung.
Leica Q: Hier fällt als Hauptunterschied wieder die erhöhte Farbsättigung auf, die Belichtungsmessung erfolgte in beiden Aufnahmen mit vergleichbarer Einstellung.

Der Vergleich im Video

Das Video zeigt die Fotografen in Aktion und lässt die filmischen Qualitäten des Huawei P10 abschätzen. Das Mobilgerät bietet den hochauflösenden Full-HD-Standard mit 1.920 mal 1.080 Bildpunkten bei 30 oder sogar 60 Bildern pro Sekunde. Daneben stellt es den noch detailreicheren Modus „4K Ultra HD“ mit 3.840 mal 2.160 Bildpunkten bereit.

Praxis

Während die beiden Fotografen auf Motivjagd waren, verglichen sie ihre Ausbeute auf dem Display. Hier punktete das Huawei P10 natürlich mit seiner größeren Darstellung – an eine Diagonale von 13 Zentimeter (5,1 Zoll), kommt keine Kamera heran. Beim Bild mit dem Tunnel etwa habe sich auch der Leica-Besitzer überrascht gezeigt, dass das Smartphone aus dem Stand heraus eine sehr ausgeglichene Belichtung erreichte.

Huawei P10
Huawei P10
Leica Q
Leica Q

Ähnliches galt, wenn der Himmel mit ins Spiel kam: Normalerweise muss man bewusst entscheiden, ob für die Belichtungsmessung etwa „Spot“ oder „Integral“ geeigneter ist. Die Leica lag laut Schulz hier – trotz herausragender Technik – gelegentlich daneben. Dagegen habe das Huawei P10 die Bilder immer so belichtet, dass keine Nachbearbeitung erforderlich gewesen sei.

Allerdings waren sich beide einig: Am wichtigsten sei das Gespür für ein gutes Motiv. Schulz ergänzt: „Was auf dem Smartphone-Display langweilig aussah, wirkte auf dem Leica-Display auch nicht besser. Ich habe meinen Test mit Storys auf Instagram begleitet und jemand schrieb, als er die Ergebnisse sah: Also kommt es nicht darauf an, eine besonders hochwertige und teure Kamera zu haben, sondern Talent und Blick für Motive? Ich denke, das fasst es perfekt zusammen: Zuallererst geht es um Motive, Licht und gute Kompositionen.“

Nach Meinung von Schulz sei die Qualität von Smartphones wie dem Huwei P10 mittlerweile auf einem sehr hohen Niveau. Es bliebe also spannend, wie sie sich in den nächsten Jahren weiterentwickeln würden.

Huawei P10
Huawei P10
Leica Q
Leica Q

Am auffallendsten an dieser Gegenüberstellung ist, dass – bis auf leichte Belichtungsabweichungen – kaum ein Qualitätsgefälle auszumachen ist.

Michael Schulz

Der Fotograf gehört bezüglich seiner „Social Media“-Aktivitäten zur Welt­spitze. Dazu ist er bei großen Firmen wie Sony, Levi’s, Lufthansa, Porsche oder Bang & Olufson gefragt.

Der Autodidakt begann schon als Kind zu fotografieren, irgendwann hatte er das Geld für eine Spiegelreflexkamera beisammen. Nach seinem Umzug nach Berlin begeisterte er sich für die Architektur der Stadt, später erweiterte er sein Können mit Porträtaufnahmen. „Qualität abzuliefern, hinter der ich zu hundertprozentig stehen kann, ist immer mein oberstes Ziel!“

www.michael-schulz.com